Noch’n Kanal

Von Berching nach Kipfenberg (27 km)

Ach wie schön, dass nun auch ich weiss, wo und was genau ein Ischias-Nerv ist. Genau genommen ein Nervenbündel, dessen Verlauf mir der Physiotherapeut heute in Berching mit seinen Händen am unteren Rücken schmerzhaft aufgezeigt hat. Aber sein nicht besonders sanfter Druck hat den gewünschten Effekt gehabt, so dass ich nach einer abschließenden Wärmebehandlung wieder befreiter gehen konnte. Zunächst entlang des zweiten Main-Donau-Kanals (korrekt: Europa-Kanal), diesmal dem Breiten, dem für die heutigen Flussschiffe. Mit modernster Schleusenanlage und natürlich Video-überwacht.
Tatsächlich wurde es heute mit dem Laufen von Kilometer zu Kilometer besser, was auf der zweiten Hälfte des Weges zu einiger Euphorie bei mir führte. Da machte auch der Kilometer mit angesagten 15% Steigung nichts mehr, im Gegenteil. Habe mich richtig gefreut, mal wieder in den Aufstiegsmodus mit ordentlichem Geschwitze zu kommen, meine Kondition ist nach fast fünf Wochen nun kein Problem mehr für mich.

Diese gute Laune hatte wohl auch mit den schönen Wegen zu tun, die es hier im Altmühltal und den umliegenden Hügeln zu erwandern gibt. Manchmal führen diese Wege laut Navi-App dann über einen Campingplatz, wo auch bei ziemlicher Besucherflaute am Ende garantiert der Sheriff und seine Frau lauern, die erst einmal laut keifend auf den Privatgrund hinweisen und mich „melden“ müssen. Schade, ist dann doch leider kein SEK-Einsatz geworden. Erkenntnis: Unterwegs bellen nicht nur die Hunde.

Trocken war es den ganzen Tag über und der Rekonvaleszent hatte auch noch Rückenwind, juchhu. Das tat ein Übriges für den Weg, der sein Ende beim Natur- und Vogelschutzbund gefunden hat, welcher hier und heute einen Dia-Vortrag im Saal nebenan hält. Ja tatsächlich, es gibt sie noch, die guten alten Projektoren. Wie herrlich analog in diesem HighTech-Land, was neben seiner aufgemalten Volkstümlichkeit eben auch unfassbar reich und modern daher kommt. Wie sagte doch Bernd, mein Biernachbar von gestern: „Bei uns herrscht quasi Vollbeschäftigung“. Und beim durchwandern der hiesigen Gegenden in der geografischen Mitte Bayerns mag man ihm das absolut glauben. Felix Bavariae!
(Hinweise auf eventuelle Konjugationsfehler werden ignoriert, dieser Blog hat ja schließlich kein Lektorat)

Morgen weiter nach Ingolstadt

Pause in Berching

Ein Tag Rast hier im Berching ist angezeigt. Das Zimmer ist neu, groß und günstig, da muss der Wanderschaufel einfach mal seinen Rücken pflegen. Und die Wäsche versorgen. Und endlich mal die Kulturgeschichte des Gehens von Johann Günther König weiter lesen.

Morgen dann weiter Richtung Ingolstadt und München, wo ich am Dienstag, den 20.5. ankommen sollte. Soweit die Planung, wenn das Gerippe mitspielt…

Plattes Land

Von Neumarkt nach Berching (21 km)

Glückwunsch den beiden Aktivitas-Alumni-Vorständen Annett und Aina zur Lösung des Johannes-Rätsels bzw. zur bewiesenen Bibelfestigkeit, über die man sich als Klostergast natürlich besonders (fremd-) freut. Nach einer erholsamen Nacht, von guten Mächten wunderbar geborgen, ist der Preis schon unterwegs und er möge den Segen bringen aus bayerischen Ordensburgen in hessische bzw. hamburgische Profanhaushalte. Wie Stefan Gwildis auf seinen Konzerten zu sagen pflegt: Hallelujah, brothers and sisters, hallelujah!

Nein, natürlich ist es nicht wirklich flach in dieser Weltenecke, aber platt ging’s weiter für den Wanderschaufel, am Ludwig-Donau-Main-Kanal entlang, ein wirklich schräges Konstrukt, welches leider seiner Zeit nur wenig voraus war, denn nach mühevoller Anlage und dem Einsatz von vielen tausend Arbeitern ist er nur wenige Jahre später durch die aufkommende Eisenbahn überflüssig geworden. Eine Zahl am Rande hat mich noch sehr fasziniert: Auf die Länge von ca. 170km sind 46.000 Obstbäume gepflanzt worden. Für die Versorgung der Schleusenwärter, aber auch als gesamtökologisches Projekt zur Randnutzung und Vitaminversorgung der Bevölkerung im Einzugsgebietes dieses vor gut 150 Jahren immensen Bauwerkes.

Ordentlich kalt heute, aber wenigstens trocken. Zumindest bis zum Einzug in Berching, wo mich mal wieder pünktlich 2 Minuten vor den Stadttoren ein Schauer erwischt hat. Was haben diese bayerischen Orte nur, dass das immer so perfekt auf mein Tempo abgestimmt ist? Wandertouristenservice? Eher weniger, denn der Sensationsgehalt eines Typen, der die Alpen überqueren will, mindert sich hier Richtung Süden gerade deutlich ab, wie ich bei meinen Konversationen mit den Einheimischen bemerke.

Gemacht hat mir das nichts, denn nun, wo meine Füße willig und brav im Trab sind, fängt der untere Rücken an zu mucken und zieht die Aufmerksamkeit beim Gehen komplett auf sich. Neue Schmerzen braucht wirklich kein Mensch, an dieser Stelle wird es mit einer Bandage schon schwieriger. Aber da das Städtchen Berching schon sehr nett ist mit seiner Stadtmauer und den vielen Gasthäusern dachte ich mir, einfach schon mal um 15.00 Uhr Schluss zu machen für heute, auch wenn es eigentlich noch 10 km weiter gehen sollte. Es bleibt die Hoffnung auf morgen, sonst gibt es eben noch eine zusätzliche Zwangspause, noch bin ich sehr gut in meiner Zeit und beglückwünsche mich heimlich selber, die Route mit Hilfe von Google Earth so gut geplant zu haben. Es lebe der digitale Wanderer!

Ein Top-Zimmer habe ich hier nach einem kleinen Info-Schnack in der Eisdiele am Markt auch bekommen. Die Pension heißt dieses mal ‚Monika‘, ist komplett renoviert und bietet mir eine Terrasse direkt im Ort, quasi als Teil des ganzen Lebens hier, was zwar nicht das Meiste, aber für heute eben meines ist. Nun entspannt sich hoffentlich auch die Rückensituation. Darauf noch ein Weizen.

Morgen weiter Richtung Ingolstadt, wenn der Rücken mitspielt…

Am Kanal

Von Diepelsdorf nach Neumarkt in der Oberpfalz (28 km)

Nein, kein Postbauer-Heng, auch wenn ich doch so gerne dort gewesen wäre. Aber der Regen verlangt flexible Streckenanpassungen, und ein extremer Gewitterschauer direkt in Altdorf bei Nürnberg (Partnerstadt ist Altdorf UR in der CH), 300 Meter vor dem Gasthof Sonne, in welchen ich dann erst einmal triefnass geflüchtet bin hat mich überzeugt, das der angesteuerte Wald-Berg-Weg nicht zu machen ist mitten in diesem Aprilgehabe von Petrus‘ seinen Untergebenen.
Trotz freundlicher Bedienung der Dirndl-Chefin hat sich leider keine weitere Allegorie auf dieses Sonne-Regen-Paradox entwickeln lassen, die von mir ja durchaus offen kontaktierten Einheimischen geben zum Teil Laute von sich, auf denen selbst ich keine Konversation aufbauen kann. Da war ich froh, dass ich wenigstens meine Klamotten in der Wirtschaft strategisch so verteilen konnte, das alles schön aufgehängt und ausgebreitet war und es trotzdem nicht peinlich aussah.

Dann also weiter auf dem Fahrradweg unter der A3 durch (unfassbar, wie weit Autobahnen ohne. Lärmschutzwand zu hören sind!) und irgendwann dann rechts rum zum Kanal. Hoch! Das hat mich verwirrt und erst das Schild am Ludwig-Donau-Kanal hat mich belehrt, dass es 10 Dämme gibt, die aus dem Aushub der tiefer gelegenen Teile aufgeschüttet wurden und daher das Wasser fast 20 Meter über Straßenniveau transportieren. Und das 1860, mit bis zu 9000 Arbeitern. Ob die auch immer abends ein Weizen am Hals hatten wie euer Wanderschaufel? Ich wünsche es ihnen posthum, von ganzem Herzen und mit der Unterstützung von St. Josef hier in Neumarkt, dessen Gast im Kloster ich heute sein darf.

Und mein Zimmer heißt tatsächlich „2.104 Johannes“. So steht es an der Tür, aber wer eine entsprechende Bibelstelle auftun kann, die damit korrespondiert, dem soll ein original oberpfälzisches Devotionaleum zu Teil werden. Gilt aber nur für schnelle Antworter bis morgen früh, 14.5., 9:00 Uhr.
Ja, Martin, du darfst mitmachen, auch nach zwei gewonnenen Preisen noch!

Morgen weiter möglichst bis Beilngries/Altmühl

Schaurige Staatsforsten

Von Marloffstein nach Diepersdorf (32 km)

Der Anfang am reich gedeckten Frühstückstisch meines Freundes Thomas, nochmals meinen herzlichen Dank für die Herberge mit köstlichster Bespeisung. Das Ende im Gasthaus Grüner Baum über der Küche, wo MAL WIEDER SCHNITZEL GEKLOPFT werden, danke auch hier wieder für diesen unvergesslichen und fortwährenden Wirtshaus-Sound.
Davor der Tag mit langen Schotterwege (supi!) durch den Staatsforst und Kammquerungen über triefnasse Wiesen mit Seitenwindregen übelster Sorte. Immer wieder schnell ins nächste Kaff, gewittrige Schauer abwettern, Kaffee trinken. Erfreulicher Weise genügend Dörflein hier in Bayern, auch die sehr gut zu hiesigem Mundartgebrauch passenden Imperativ-Ortschaften wie ‚Lauf‘, ‚Schwaig‘ oder – mein Favorit – ‚Winn‘!

Der Rest außer ziemlicher körperlicher Müdigkeit nicht spektakulär, mein Gehapparat ist aber stabilisiert und bekommt die jetzigen Strecken ganz gut hin.

Morgen weiter nach Postbauer-Heng (aber nur, weil der Name so klasse ist und ich allein deshalb schon meine ganze Planungsphase lang dort unbedingt Station machen wollte)

Hinter Erlangen

Von Hallerndorf nach Marloffstein (24 km)

Vom Klopfen der Schnitzel geweckt im Gasthaus Schwarzmann ergab der Blick aus dem Fenster den Hinweis auf einigen Stress an diesem Sonntag: Dicke Gewitterwolken hingen weiter am Himmel, während mein Wetter-Radar auch regenfreie Abschnitte vorher sagte. Also noch ein nettes Gespräch mit dem Chef des Hauses beim Frühstück, meinen Respekt ausgesprochen für die Zahl der an diesem Muttertags-Sonntag zu bewältigenden Reservierungen (mittags ~300 Gäste, der Grund für die ganze Klopferei) und dann weiter Richtung Süden. Probeweise am Rhein-Main-Donau-Kanal lang, der entschieden einfachste Weg, dann aber aus Gründen der landschaftlichen Attraktivität und vor allem der Bodenbeschaffenheit doch weiter Richtung Osten abgedreht und damit hinter Erlangen und Nürnberg her gehend.

Inzwischen nämlich bin ich der Meister der Untergrundsdetektion. Ohne hinzuschauen bin ich in der Lage – oder besser: sind meine Füße – in der Lage, auf Anhieb den jeweils aktuellen Untergrund zu ermitteln. In Kurzform: Waldboden ist herrlich, Schotter bzw. Split geht auch ganz gut, aber bei Asphalt macht es ziemlich schnell aua, weniger auf Fahrradwegen (weichere Mischung) als besonders entlang der Straße, was mir auch heute nicht erspart geblieben ist. Immerhin, die Sensibilitäten bilden sich gerade in ganz neue, vorher nie erahnte Richtungen aus, der Wanderkörper an sich entwickelt neue Antennen, auch was das Wegducken vor herannahenden LKWs oder Bussen betrifft.

So wächst auch das Gefühl fürs Wetter, was heute viele sonnige Löcher, aber eben auch so manchen gewittrigen Schauer im Angebot hat. Wie schön, wenn man an dieser Stelle SMS-Antwort seines alten Kollegen Thomas bekommt, das dieser quasi um die Ecke wohnt und ein Besuch auch am heiligen Sonntag kein Problem ist, sonder im Gegenteil willkommen. Also noch schnell die letzten 5 km Richtung Marloffstein weiter gewandert, mit Navis Hilfe auch abseits der Straße, und mit einsetzendem Gewitterschauer das rettende Ufer meiner heutigen Gastgeber erreicht. Die Belohnung: ein frisch bezogenes Bett, kühles Bier, eine persönliche Ansprache und ein Blick auf die weite fränkische Ebene Richtung Westen, wie er nur an schauerreichen klaren Tagen möglich ist. Mit dem Fernstecher (nein, kein Teil meiner Ausrüstung) waren die Details der Burg Nürnberg und das massive rote Dach der benachbarten Jugendherberge sogar aus fast 20 km Entfernung perfekt auszumachen. Da lacht das Herz des Immobilienfreundes, der wieder für sich denkt: Lage, Lage, Lage. Das ist es was zählt.

Ganz in die Großstadt zieht mich allerdings nichts morgen, ich bleibe lieber bei meinem Bogen um den großen industriellen Komplex Nürnberg/Fürth herum und genieße die Fernblicke weiter aus der Provinz. Nächste Großstadt ist dann erst München, inzwischen schon auf ca. 200 km heran gerückt, ein Katzensprung gegenüber den bisher schon erreichten Strecken. Geht es so weiter, so habe ich mit meinem Timing Richtung Venedig überhaupt kein Problem. Und die Füße sind willig aktuell, großartig! Allein die Schulter könnte langsam mal eine fachkundige Massage vertragen. Wer also noch Tipps in dieser Richtung hat für mich…

Morgen weiter Richtung Feucht/Altmühltal

Fränkischer Samstag

Von Bamberg bis nach Trailsdorf (27 km)

Laut ist es in Franken. Nicht allein beim Frühstück in der teueren, aber sehr gepflegten Pension am Dom heute früh, auch jetzt, heute Abend in meiner Rettungsherberge Schwarzmann in Trailsdorf. Hier war nichts gebucht, hierher ging es auf der Flucht vor dem aufkommenden Regen, der leider meinen bis Forchheim geplanten Weg etwas verkürzt hat. Da muss man eben mal spontan sein und sich freuen, dass die Zimmer unter dem hohen Dach des Gasthauses nicht belegt sind und ich quasi eine fränkische Etage für mich allein habe.
Aber warum schreit man hier ständig? Das fing schon in Bad Rodach an und es setzt sich fröhlich fort, je tiefer ich Richtung Süden komme. Aber vielleicht empfinde ich den Zungenschlag an sich auch nur als sehr sehr laut, zumal in der Gaststube meiner heutigen Unterkunft, die eher als Saal denn als gemütlicher Gastraum zu bezeichnen ist. Man trinkt sein. Bier eben gemeinsam. Nur die Auswahl fällt schwer, da wirklich in jedem Kaff eine eigene Brauerei zu finden ist, mit Ausstößen deutlich unter 10 hl in der Woche. Aber jede Sorte hat ihre Liebhaber und als durstiger Wandersmann habe ich mit dem Probieren der einzelnen Varianten momentan so gar kein Problem. Besonders, wenn ein Dach lockt bei diesem unsteten Himmel.

Man muss aber auch festhalten, dass die heutige Tour von guten Mächten wunderbar behütet war, denn es war wieder ein Tag auf dem Jakobsweg, der dann leider ab Nürnberg Richtung Westen abbiegt (Rotenburg o.d.T.). Aber erst einmal gab es viele richtig alte Jakobssteine entlang des Weges, teilweise völlig unvermittelt im Feld stehend. So etwas bewegt den einsamen Wanderer auch in unseren Zeiten durchaus, wie es auch die Gedanken an diejenigen stärkt, die in früheren Jahrhunderten den Weg gegangen sind. Auch wenn mich momentan nichts nach Santiago di Compostela zieht: Die Tatsache, zum zweiten Mal
ein Stück auf dem Jakobsweg zu gehen ist schon ein Highlight, und ich werde versuchen, dieses Weggefühl bis über die Alpen hinweg zu retten.
Ansonsten: immer mehr ‚Kuckuck‘ ist aus dem Wald und von dessen Rändern unterwegs zu hören, ständig. Kann vielleicht mal jemand was über dessen Brunftzeit herausfinden? Scheint gerade aktuell zu sein. Ich kann mich aktuell nicht weiter um solche Recherchen kümmern, sondern muss mich heute Abend ganz auf den ESC konzentrieren, zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht auf unserer Terrasse. Ob das lustiger ist, in der Herberge irgendwo im Nirgendwo? Zweifelhaft, nächstes Jahr singe ich wieder zuhause mit!

Morgen gehts es hoffentlich durch bis Marloffstein hinter Erlangen. Route steht noch nicht fest, das Wetter wird bestimmender Faktor

Im Barock

Von Breitengüßbach nach Bamberg (10 km)

Juchhu, endlich mal wieder eine richtige Stadt mit vielen lebendigen Menschen, auch mal jüngeren Alters. Die sind in der tiefsten bereits von mir durchwanderten Provinz ja eher selten zu treffen. Natürlich sind auch noch mehr Touristen da, aber das mischt sich alles auf eine sehr angenehme Art. Zumindest eine gewisse barocke Gemächlichkeit hier mitten im Welt-Kulturerbe meine ich spüren zu können. Liegt natürlich an der fränkischen Mentalität allgemein, die ziemlich relaxed ist. Oder ist es einfach nur mein Genuss des heutigen Ausspann-Tages, denn was sind schon 10 km Weg: nix!
Also auf, die Stadt weiter besichtigen, es deucht mich lohnenswert.

Update: Tatsächlich stellt sich Bamberg nicht nur sehr homogen-historisch (und natürlich auch UNESCO-geschützt) dar, ein vergleichbarer Menschenauflauf am Freitagabend ist auf der Reeperbahn auch nicht voller. Man trifft sich auf dem Marktplatz, viele Bars sind gestopft mit einer bunten Mischung aus Einheimischen, Studenten und ein paar versprengten Touristen wie mir, die nicht um 18 Uhr auf ihrer Flusskreuzfahrt am Abendbuffet erwartet werden. Diese Ami-Gruppen bevölkern nur über Tag die große und vieldimensionale barocke Altstadt, abends wird es eher deutsch. Und man kommt schnell ins Gespräch. Zum Beispiel mit Gerd, dem Fahrradfahrer aus Wuppertal, der sich mit Sportgerät extra in den Zug nach Norden gesetzt hat, um den gesamten Weg Flensburg-Garmisch zu absolvieren. Welche Art der Fortbewegung nun die bessere ist haben wir nicht final erörtert, aber es ist schön, sich gegenseitig Respekt für den jeweiligen Weg auszusprechen. Ganz emotional verarmen war ja auch nicht der Plan eures Wanderschaufels. Und an dieser Stelle noch einmal vielen vielen Dank für eure Kommentare, die mir immer wieder gut tun!

Morgen weiter nach Forchheim

Pension Karin

Von Seßlach nach Breitengüßbach (28 km)

Was ein ödes Stück Weg! Nur Asphalt-Fahrradwege entlang der Itz, immerhin vorher noch die Alster(!) gequert. Auf Bamberg hatte ich mich gefreut, auf den Anmarsch nicht. Nun morgen noch 11 km (sehr kurz, in meiner aktuellen Zeitrechnung) und schon da.

Und wieder war der Wettergott mir hold, die ersten Tropfen kommen jetzt erst auf der Hollywood-Schaukel der Pension Karin, über die ich gerne mehr nach meinem Abendmal berichten werde, aber soviel sei verraten: Das selbst gebraute Bier – Zwickel genannt – schmeckt vorzüglich!

Und auch der zweite und dritte Krug geht hervorragend, wenn man in der lokalen Pizzeria bei Cola bleibt, so wie ich heute. Und dann erfährt man dabei, welche Rekorde in deutschen Pensionen aufgestellt werden. Dass ein Würzburger Monteur seit 35 Jahren jede Woche von Mo-Fr kommt, das fand ich schon sehr krass. Nach den drei Monaten jetzt kann ich gut auf darüber hinausgehende Fremdbettbeschlafung verzichten. Aber wenn man ständig bei booking.com unterwegs ist freut man sich diebisch auf neue Geschmacksverirrungen, wenn wieder vom ‚klassischen Stil‘ der Zimmer die Rede ist.

Hier bei Karin, meiner Wirtin in quietschroter Lederjacke und gewagt enger Rothose – man sieht sich beim hiesigen Trenditaliener mit langem Pferdeschwanz – erfahren alle Modeepochen zwischen den swinging 70ern und den massivholzenen 90ern fröhlichen Urstand, natürlich videoüberwacht, auch der Gartentich mit wasserspeiendem Frosch und vielen anderen lustigen Bewohnern. Der Abschuss sind die Fliesen im Bad, rosa Rosenblüten, das muss noch aus den frühen 60ern kommen.
Aber kommt man dann ins Gespräch – das geht ja erfreulich schnell hier in Franken, ganz im Gegensatz zu den Ländern Mitteldeutschlands – muss man aufpassen, diese vordergründig kleinbürgerliche Welt bloß nicht zu unterschätzen. In China und Australien kennt man sich aus, Hamburg ist bekannt incl. Madison-Hotel und überhaupt fühlt man sich in der Welt zu Hause, ohne auf seinen persönlichen Kitsch verzichten zu wollen. Ist das das Erfolgsgeheimnis dieser unserer Südregionen? Bestimmt ein Teil davon, wenn man die vielen HighTch-Unternehmen auf den Bauerndörfern unterwegs anschaut, an denen ich vorbei gekommen bin. Die Hidden Champions sitzen eben doch vermehrt von Scheunen umgeben am Dorfrand und bekommen dennoch gerne Besuch aus China, da habe ich schon zwei bis drei Delegationen sehen dürfen.

Morgen entspannt weiter nach Bamberg

Entlang der Rodach

Vin Bad Rodach nach Seßlach (23 km)

Toll: Endlich komplett in Bayern gelandet, nach weiterem hin und her über den fränkisch-thüringischen Grenzstreifen entlang der Rodach sitze ich nun in einem wunderbaren Biergarten in der historischen Altstadt von Seßlach – und lausche interessiert den Herren am Tisch gegenüber, die sich in bestem Norditalienisch unterhalten, nur dass ihr deutscher Gastgeber das Wort ‚Ente‘ nicht erklären konnte. Mit einem lässigen „Anitra“ konnte ich helfen und ich freue mich diebisch über dieses erste italo-linguale Erfolgserlebnis auf meinem Trip, welches hoffentlich in der nächsten Zeit durch den von mir erworbenen iPad-Sprachkurs weiter gefestigt und möglichst oft noch wiederholt werden kann. Was freue ich mich auf Italien!

Aber erst einmal Franken bewältigen. Da habe ich noch ein paar Tage nach, bis ich Nürnberg passiert und meinen Weg Richtung München weiter fortgesetzt habe. In der Zwischenzeit erfreue ich mich an den vielen Attraktionen, die mir so begegnen auf dem Weg, und das ständig: Der Duft nach frisch geschlagenem Holz, natürlich der Raps, die vielen reisenden Schnecken, die den nassen warmen Asphalt auf den ausgebauten Wirtschaftswegen genießen, die immer wieder neuen Ausblicke unter einem gerade heute sehr wechselhaftem Himmel, so viele kleine Dinge, die sich permanent verändert darbieten, dass es einfach Entschleunigung pur ist. Das Tempo, von den Leki-Stöcken vorgegeben, verändert sich eigentlich kaum, nur der Stockeinsatz und die eingesetzte Kraft variieren je nach Topographie. Gerade in diesen doch eher ebenen Gegenden Meditation pur. Nur manchmal will der Körper motiviert werden, daher auch zwischendurch mal ein Weizen – en route natürlich a-frei, versteht sich.

Morgen weiter bis kurz vor Bamberg

…hier fehlt noch der Hinweis auf einen der schönsten Orte auf meiner Wanderung, nämlich auf Ummerstadt. So muss das wahre Mittelalter-Marktplatzfeeling gewesen sein. Und zu DDR-Zeiten hat hier eine Garnison Grenzwächter (hauptsächlich auf sich selbst!) aufgepasst. Schräg…