Servus Bayern

Von Hirschbach nach Bad Rodach (30 km)

Von wegen Richtung Coburg, wie ursprünglich geplant. Ich halte mich lieber an die schöneren Wege und lande als Belohnung schon heute direkt in Bayern. Dabei umgehe ich sowohl die mir viel zu große Stadt, sondern auch noch viel zu viel Lauferei an der Bundes- oder Landesstraße entlang.

Nachdem mich beide Wanderkameraden von gestern glaubwürdig davon überzeugt haben, dass sie in nächster Zeit keinerlei Füße in keinerlei Wald- oder sonstwie -Weg setzen werden habe ich mich nach dem späten Frühstück schnell verabschiedet und bin meines Weges allein weiter gegangen, nicht ohne vorher Stöhnen zu ernten bei dem Hinweis, dass selbst ein Auto-Besuch auf der Wartburg (Invaliden-Alternativprogramm) mit einiger Kraxelei vom Parkplatz hoch verbunden ist. Probleme, die euer Wanderschaufel – zumindest zur Zeit – nicht hat.

Denn, oh Wunder, das Laufen geht einfach von der Hand. Anstrengung ja, aber irgendwie auch schon ziemlich automatisch, die Fortbewegung per Pedes. Die Bandagen halten schön fest, es ist kein Wasser mehr in den Füßen und ich bin guter Dinge, meine Ziele erreichen zu können. Und dann kommt auch der Genuss dazu, die schöne Landschaft aufsaugen zu können bei immer noch bestem Laufwetter. Meine Gesichtsfärbung legt Zeugnis ab, genau wie mein neues temporäres Hand-Tatoo beweist, dass zumindest die Handschlaufen immer angelegt sind, wenn auch die Walkingstöcke bergab oftmals hinderlich sind und von daher auch viel getragen werden. Aber so langsam kommt der Marsch-Tritt immer selbstverständlicher.

Eindrucksvoll heute war der Gang über die ehemalige Grenze zwischen Thüringen und Bayern. Nicht unbedingt wegen der Info-Tafeln, die längst geschichtsschuldig aufgestellt wurden als vielmehr durch die schiere Breite des damaligen Todesstreifen, die auch heute noch lange nicht zugewachsen ist und immer noch den immensen Aufwand bezeugt, der von den Grenztruppen seinerzeit betrieben wurde, auch wirklich jedes potentielle Ziel vor die Flinte bzw. die Kalaschnikow zu bekommen. Der Gang dadurch berührt schon sehr, zumindest noch in meiner Altersklasse.

Dieses Mal hatte ich nichts reserviert an Zimmer, dafür aber auch prompt viel Glück mit einem preisgünstigen Gästehaus mitten in Bad Rodach gehabt, wohin sich euer Chronist jetzt Pizza-gesättigt zurück ziehen wird. Ich freue mich auf den weiteren Weg, inzwischen ist er mir wieder ein gutes Stück näher gekommen. Venceremos!

Morgen weiter Richtung Bamberg

On the road again

Von Oberhof nach Hirschbach (27 km)

Heute nun ging es nach meiner zweiten Zwangspause weiter mit meiner Wanderung Richtung Süden. Und das bei allerbestem Wetter, angenehmen Temperaturen und mit Begleitung. Mein alter Freund Uwe aus Belize ist mit seiner chinesischen Freundin Yingzhi nach Oberhof gekommen und zusammen haben wir uns heute auf zum Schneekopf gemacht, um danach den Thüringer Wald weiter Richtung Süden zu gehen. Möglich gemacht hat dieses Unternehmen die Wunderbandage aus der Apotheke, welche mit seitlichen Streben und einer kräftigen Bindung mein unteres Laufgestell zusammen hält. Auch in die Schuhe passt die ganze Chose hinein, so dass von daher endlich mal wieder an die Fortsetzung meines Trips zu denken war und hoffentlich auch weiter ist..

Nach langen Asphaltstrecken mal wieder eine Tour über weiche Waldwege und Forststraßen, aber doch mit mehr Steigung und Abgängen als gedacht. Dazu ein ganzer Tag hauptsächlich auf Englisch, da mein Mandarin genauso zugeschüttet ist wie mein Schulfranzösisch. Wenn auch die Umgebung wirklich unfassbar schön ist, der Fernblick bis zur Rhön geht, viel fotografiert und gestaunt wurde, so war es vielleicht doch etwas viel, was ich meinen Gästen ohne großes Training zugemutet habe. Beide haben sich seit unserer Ankunft im Zielhotel in die Rolle der Humpelnden eingefunden, so dass ich fast schon Mitleid spüre – fast…

Traurig fast, wie einsam und blutleer so ein Ferienort wie Oberhof wirken kann, obwohl er doch in all seiner städtischen Infrastruktur für den großen Ansturm vorbereitet zu sein scheint. Überall verkünden ‚Zimmer frei‘-Schilder von der großen Erwartung, welche sich an einige wenige Leuchtturm-Events knüpft (Rennsteig-Lauf), um dann in der restlichen Zeit auf touristisches Strandgut zu warten und währenddessen in (n)ostalgischen Erinnerungen an den einzigartigen Herbert Roth (Rennsteig-Lied, Wanderwegs-Namensgeber etc.) akustisch ihre Gaststuben zu verseuchen. Aber gut, eine Entenkeule mit Rotkraut und Thüringer Tennisbällen (Rennsteig-Klöße) lang muss man das wohl mal ausgehalten haben. Wobei, muss man?
Aber die Umgebung bei Sonne und frisch ausgeruht, das hat schon was aufgeregt-euphorisches und motiviert ihn aufs Neue, den Wanderschaufel.

Morgen weiter Richtung Eisfeld/Coburg

Ende Gelände

Von Bad Langensalza nach Gotha und weiter nach Oberhof (2,3 km + 21 km Bahn + 29 km Bus)

Nun ist es passiert: Euer Wanderschaufel wartet auf den Zug, der ihn zum Sportarzt nach Gotha bringt. 1,6 km in Langensalza haben ausgereicht, um mich von meiner temporären Invalidität zu überzeugen. Ich kann allen Nachahmern und Gleichgesinnten nur empfehlen: Weniger ist mehr! Mein bisher doch recht gutes Tempo bezahle ich jetzt mit einer Auszeit bis Montag, mindestens.

Zink-Leim-Verband, das Mittel der Wahl beim Doc und für mich die Pflicht, ein Zimmer mit Badewanne zu finden, da leider Duschverbot. So sitzt er nun in Oberhof im Nebel (Chalet Sonnenhang, dass ich nicht lache!) und legt die Füße hoch, wie angeraten. Nun wissen wir alle, dass auch Meister Kerkeling auf seinem Weg eine „Überbrückung“ gewählt hat. (250km oder so, meine ich…) und ich mich jetzt also nicht dauergräme ob des unsportlichen Intermezzos, aber krank ist krank, da geht momentan einfach gar nichts.

Immerhin habe ich jetzt die Möglichkeit, aus meinem Fenster die ganzen Wandergruppen zu sehen, die sich aber so richtig ärgern über die Suppe hier am Himmel. Tun mir ja auch leid, ich habe wenigstens die Anweisung, mich drinnen im warmen um das Füßehochlegen zu kümmern. Aber wer über das Wochenende extra her gekommen ist, mag mit seinem Wettergott hadern.
Oder es als willkommene Essenszwangspause ansehen, wovon es wirklich reichlich geben muss. Das Format und die Leibesfülle der Menschen auf meinem Weg – und nicht erst in Thüringen – ist wirklich erschreckend. Da gibt es wohl doch ein starkes Gefälle zwischen Stadt und Land. Und auch wenn Vegetarismus und Veganertum abgeblich auf dem Vormarsch sind, als Bewertungskriterium von Gaststätten in ländlichen Gegenden zählt immer noch erstaunlich oft die „anständige Portion“. Ich finde das und den Anblick aufgedunsener Leiber dagegen im höchsten Maße unanständig. Achtet der Wanderer einfach mehr darauf, wie sich die Umgebung bewegt? Möchte er nicht am liebsten jedem zweiten Teenager den Gang a) zur Ernährungsberatung und b) zum Orthopäden empfehlen? Manchmal kommt es mir so vor.

Und was wird mir am meisten fehlen hier in der Exklave des Stillstands mitten im Sportgebiet Thüringer Wald? Der Raps und sein mich tagelang begleitender intensiver Geruch, jetzt zur Blüte. Teilweise war ich sogar ein bischen berauscht, dachte ich, aber das mag auch an seiner doch sehr einseitigen Farbgebung liegen, welche mich gerade ab dem Harz auf riesigen Feldern eingelullt hat.
Und natürlich der Griff zum iPhone zur Navigation. Ein festes Ritual unterwegs alle paar Kilometer. Und immer wieder mit der Erkenntnis, dass man auch bei langsamstem Schleichgang mit jedem Schritt immer weiter dem Ziel entgegen geht, wo immer es auch liegen mag.
Ich will immer noch nach Venedig…

Im Abenteuerland

Von Mühlhausen nach Bad Langensalza (20 km)

Heute wieder mal das beliebte Wanderschaufel-Quiz: Wer bzw. welche Band aus den neuen Bundesländern brachte uns meinen heutigen Ohrwurm – „Komm mit mir ins Abenteuerland, der Eintritt kostet den Verstand!“ – im Original zu Gehör? Es winkt eine handverlesen-ostige Postkarte aus meinem morgigen Ziel Gotha, habe mir extra das Googeln verkniffen.

Aber im Abenteuerland war ich heute, direkt entlang der B247, ein Traum. Bei Regen, ohne Fahrrad- bzw. Gehweg, mit reichlich Verkehr und tollen Schockmomenten bei der Annäherung von aufgemotzten VW Golf mit Loch im Auspuff – herrlich! Sogar meine GPS-Peilung sieht pietätvoll über dieses unwürdige Wegstück hinweg und macht einen glauben, ich sei die zweite Hälfte meiner Route geflogen. Es sei verraten: Bin ich nicht, wäre ich aber gerne. Tatsächlich habe ich im starken Gewitterregen unter der Eisenbahnbrücke (immerhin) einen Blick auf den DB Navigator geworfen. Und ich hätte einen Regionalzug nehmen können zwischendurch. Habe ich aber natürlich nicht.

Stattdessen habe ich lieber meinen Check-in in der gebuchten Pension Weintraube abgebrochen. Selten so eine unfreundliche Besitzerin getroffen, unmöglich. Haus leer, aber ich sollte das Einzelzimmer mit einem Vorhang zum WC bekommen. natürlich ohne WLAN, für dieses Deluxe-Feature meinte Madame, mir 22€ mehr abknöpfen zu können, dann hätte ich auch eine Klotür. Beherzt den Meldeschein zerrissen und wieder raus in den Regen gegangen, hat man mir in einer Bar nebenan gleich einen guten Tipp für eine sehr nette Unterkunft 3 Ecken weiter gegeben. Und tatsächlich wurde ich im Hof lachend von der Chefin begrüßt. Sie hat sofort gewusst, von welchem Laden ich gekommen war und jetzt ist heute für mich nach einer köstlichen Pizza Scampi alles gut. Aber mich in meiner selbstgewählten Einsamkeit auch noch anpupsen zulassen, dass brauche ich nun gerade gar nicht.

Überhaupt, die Ansprache. Die fehlt mir schon sehr und ich bin froh, meine digitalen Kommunikations-Helferlein dabei zu haben. Daher immer Hand am iPhone, sei es zum Route checken, zum Route tracken oder zum Nachrichten empfangen und senden. Eigentlich muss ich das ganze nochmals analog-puristisch angehen, aber das werde ich hier und heute ganz bestimmt nicht verkünden. Bin froh, wenn ich dieses Abenteuer hier im Land überstehe. Und für die Besorgten unter euch: Ja, ich bekomme viele mitfühlende Kommentare und Nachrichten, dafür meinen aufrichtigen Dank und: Ja, die Mauken schmerzen immer noch höllisch unterwegs. Aber selbstgewählt, das Schicksal, Mitleid mithin unpassend.

Morgen weiter nach Gotha