Endlich ans Meer

Von Santa Margherita nach Chioggia (18 km)

Aus Padua heraus zu kommen, das bedeutete für diese Reise auch meinen letzten Tag auf dem Festland. Nach einem gemütlichen Sonntagsfrühstück mit meiner Vermieterin Signora Elisabetta, vielen Fragen zu meinem Weg und vielen guten Wünschen bin ich zum Busbahnhof der Stadt gewalked, die Strecke vom Vortag wieder zurück zu fahren. Der Busfahrer hat auch dreimal nachgefragt, ob ich wirklich mitten an dieser verlassenen Kreuzung aussteigen wolle, es seien doch nur noch 15 km bis zum Strand.

Aber ich wollte raus, wieder in Schwung kommen, und zum letzten Male war der Fluss Brenta mein treuer Wegbegleiter. Viele Kilometer ging es an seinem Damm entlang, immer schnurstracks geradeaus. Teilweise endlich mal wieder über kurzgemähte Feldwege, eine Wohltat für die so untergrundsensibel gewordenen Füße. Nur für die letzte Schleife Richtung Chioggia kam ich leider nicht daran vorbei, die Straße zu benutzen. Ein letztes Mal durfte ich mich darüber freuen, wie freundlich und überraschend man immer wieder von hinten angehupt wird. Ein großer Spaß für die Ragazzi im Auto, ein großes Ärgernis für den Wanderer, der immer geneigt ist, rechts in den Graben zu springen. Aber auch meine schönsten deutschsprachigen Verwünschungen haben nichts gegen das italienische Temperament ausrichten können. An diesem Punkt muss ich mein Sprachkenntnisse wohl noch verfeinern.

Chioggia am frühen Nachmittag bietet dem einlaufenden Wandersmann zunächst nur ein Bild heißer Vorortödnis, gerade am Sonntag ist alles geschlossen, man hat sich in seine Wohnung zurückgezogen. Nur der Wanderschaufel freute sich auf die Brücke, welche in die Altstadt führt, um sogleich eine deutsche Rentnertruppe zu zersprengen, welche sich meinen Walkingsticks in den Weg stellen wollte. Aber an Sightseeing habe ich nicht gedacht, mir war nach einer kalten Dusche und einem kühlen Zimmer, was ich dann auch in dem bereits von mir gebuchten Hostel mitten in den Altstadtgassen gefunden habe. Nach einer herrlich kühlen Pause an diesem schwülen Tag ging es dann gleich weiter zum Aperitif in die kleine Innenstadt, wo inzwischen nur noch Italiener zu finden waren, die ausländische Touristen hatten sich bereits zurückgezogen. Tatsächlich wird Chioggia seinem Namen als kleines Venedig komplett gerecht. Die gleichen Kanäle, die gleiche Form der Brücken, die gleiche Traufhöhe der Häuser, nur ein Unterschied ist bemerkbar: es fahren und parken Autos. Die Fischerei wirkt noch sehr aktiv, viele große Boote liegen entlang des Hauptcanales, also gab es natürlich keine Frage, was am Abend gegessen würde. Das Menu Turistico war keine schlechte Idee, wie meistens in Italien. Nach dem obligatorischen Kaffee am Ende des Abendessens bin ich noch ein wenig durch die Gassen gezogen, um irgendwann an einer sehr verwunschen wirkenden Hauswand mit Efeu und wilden Rosen stehen zu bleiben. Als ich so schaute, hörte ich schon den Ruf von drinnen ich möge doch hereinkommen, ob denn ein Glas Wein gewünscht würde. Und am Abend lasse ich mich nicht gerne zweimal bitten. Schon saß ich in einem wahren Hexenhaus, mit verwinkelten und total voll gestellten kleinen dunklen Räumen, lauter indo-afrikanisch-barocker Nippes und ein Sarg als Sitzbank in dem Zimmer, wo sich auch eine Gruppe junger Italiener um den Esstisch versammelt hatte. Dort wurde ich gleich freundlich aufgenommen, es gab den versprochen Wein und viele Fragen nach dem weiteren Verlauf der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft. Nachdem all das geklärt war ging die Truppe von dannen, ich war alleine mit Jackie, dem schrägen Original und Hausbesitzer, der unbedingt noch einen Giro mit mir machen wollte. Erst langsam dämmerte es mir, dass ich wohl ein weitbekanntes Restaurant der komplett privaten Art gefunden habe, wo es zu essen gibt was es gibt und wo man beim Verabschieden einen Schein zerknüllt in Jackies Hand drückt, soviel man eben zahlen möchte. Oder nicht, wer weiß das schon so ganz genau.

Nachdem ich im Gehen Jackies Lebensgeschichte erfahren habe, die viel mit Poker und Weltreisen zu tun hat, wurden noch zwei Grappa getrunken, für die ich keinstenfalls bezahlen durfte, schließlich sei ich ja der Gast, da wäre nicht dran zu rütteln. Ein echtes Original mit seinen 61 Jahren und dem unverfehlbaren Zottelbart, den jeder, aber auch wirklich jeder im Ort zu kennen scheint und gegrüßt hat. Ich solle ruhig im Hotel Cipriani oder im Hotel Danieli fragen, man würde ihn schon kennen, ich würde immer gut behandelt werden, wenn ich irgendwo in Venedig den Namen Jackie erwähnen würde, schließlich seien wir ja jetzt Freunde. Und nach diesem Abend habe ich daran absolut keinerlei Zweifel mehr. Für’s nächste Mal muss ich nur noch meine liebe Frau Martina von der Herrlichkeit der wahrhaften italienischen Fischküche überzeugen.

Morgen mit dem Vaporetto rüber auf die Pellestrina, dann die lange Insel abgelaufen und weiter auf den Lido

Stefan Schaufelberger
Hamburg

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Morgen über die Pellestrina auf den Lido di Venezia