Von Brennerbad nach Stilfes (20 km)
Was mal wieder nach einer kürzeren Etappe aussieht hat sich als überaus anstrengend erwiesen, hier im hohen Südtirol. Es kommen eben immer wieder Auf- und Abstiege hinzu, die der geneigt Flachländer schnell vergisst, wenn er auf seine digitale 2D-Navigation schaut. So hatte die heutige Strecke drei Phasen: Zunächst seicht hinab von der Brennerhöhe, den perfekt ausgebauten Fahrradweg die alte Bahnstrecke hinunter, inklusive der bestehenden Tunnel, die sogar mit Bewegungsmeldern ausgestattet sind, was mich im ersten Moment ordentlich erschreckt hat. Dann, nach dem Abstieg unter die Autobahnbrücke von Gossensass entlang des hügeligen Wipptaler Wanderwegs, den ich auch schon von der Nordseite des Brenners kannte und der mangels Streckenalternativen mit allen Fernwanderzeichen ausgestattet ist, die man hier erwarten kann (Jakobsweg, Wanderweg 32a, Via Romea etc.). Und schließlich nach Durchquerung von Sterzing/Vipiteno und dem ersten Eindruck des hier urlaubenden Publikums jenseits der 65 dann noch zähe 5 km entlang des weiterhin wohl geteerten Fahrradweges, der allerdings genau zwischen der Brennerautobahn und dem Fluss Eisack verläuft, von daher wenig Idylle bietet und mich die Stöcke im Schnelltempo aufsetzen ließ, was dann zu reichlich Erschöpfung am Ziel Stilfes im Hotel Wieser geführt hat.
Immerhin habe ich mir auf Grund meiner Zeitreserven noch schnell eine Seilbahnfahrt auf den Rosskopf gegönnt, kurz mal die Lage von oben checken (ja, die Strecke ist auf meiner Aufzeichnung zu sehen, aber natürlich von den netto-Kilometern abgezogen). Prompt fing es oben an zu nieseln, aber das ist mir inzwischen völlig egal. Allerdings lag auch noch etwas Schnee in der Höhe, was mir natürlich zu denken gibt. Wenn mich auch der freundliche Seilbahn-Chef gar nicht gehen lassen wollte, ohne intensiv meine weitere Strecke zu diskutieren: Seinem gut gemeinten Vorschlag mit einem Dolomiten-Höhenweg über Cortina d’Ampezzo etc. werde ich bestimmt nicht folgen. Mehr als eine letzte kräftige Höhenwanderung werde ich mir in der verbleibenden Zeit dieses Weges nicht mehr geben, im Übrigen stellte sich im Gespräch schnell heraus, dass er zwar die Sportler alle in die Höhe befördert, selbst aber überzeugter Autofahrer ist und ständig im Michelin-Atlas blätterte, um die optimale Wanderroute zu finden. Mit diesem Medium allerdings werde ich mich frühestens Mitte Juli wieder beschäftigen, wenn es erneut mit Frau, Tochter und deren Freund nach Italien geht, anders dann.
Der Bus auf dem Hotelparkplatz hat den fußlahmen Chronisten bei seiner Ankunft am Abend dann schon ordentlich skeptisch gemacht, und genau so ist es auch gekommen: 35 deutsche Rentner werden hier im Hotel mit ziemlich schlechtem Akkordeon-Programm beschallt und dürfen mitsingen, derweil sich der Wanderschaufel in die hinterste Restaurant-Ecke verkrochen hat und versucht, sich auf seinen Tagesbericht zu konzentrieren. Aber wir sind ja in Italien und da läuft mit ein bis zwei Gläschen Merlot bekanntlich alles viel viel besser. Zumindest dämpft es die Rezeption dieser unsäglich schlechten Darbietung im Nebenraum, die man getrost als akustische Umweltverschmutzung durchgehen lassen kann. Auch hier stellt sich mir mal wieder die Frage, was die armen Hoteliersleute bloß in 10 Jahren machen, wenn diese ganzen Rentnertrupps großenteils 2,60 Meter tiefer in geweihtem Boden liegen.
Also tapfer durchhalten und sich freuen, dass für den Bus die Abfahrt zum morgigen Ausflugsprogramm nach Kastelruth (viel besser auf italienisch = Castelrotto [rotto=kaputt, fertig, am Ende]) schon um 8.30 Uhr ist. Ich bin vorher nicht beim Frühstück, das steht mal fest!
Und dann steht die Entscheidung an, ob ich einfach weiter die Brenner-Strecke – voraussichtlich den Fahrradweg entlang – ablaufe oder mir doch noch das sehr empfohlene Sarntal gebe, was allerdings zunächst den Aufstieg auf 2211 Meter voraussetzt, quasi direkt hinter dem Haus. Ich werde wohl mit dem Blick auf den Wetterbericht entscheiden, denn bevor am Wochenende die Hochsommerhitze kommen soll sind für morgen Regen und Schneefall bis runter auf 2000 Meter angesagt. Tja, das ist das Schöne am Alpenwandern, man muss irgendwie viel dreidimensionaler denken. Und eben gegebenenfalls auch mal einen Tag abhängen zur allfälligen Regeneration, was mit schickem Schwimmbad im Haus naturgemäß leichter fällt. Insbesonders wenn keine Mitbenutzer zu erwarten sind.
Und wer dann noch fragt (viele tuen es immer wieder, unterwegs), ob denn das Gehen alleine nicht langweilig wäre: Nein. Ist es nicht und war es auch nie auf der ganzen Strecke, solange man unterwegs ist. Langweilig sind höchstens Zwangspausen mit Wehwehchen, die anders nicht abgewettert werden können. Aber zu Glück hält der Körper inzwischen tapfer durch, wenn ich mich auch des abends genau wie nach dem Aufstehen teilweise nur sehr schleppend bewege. Aber bin ich erst einmal wieder auf der Strecke, ist die Summe meiner Knochen, Sehnen, Muskeln und Fettpolster inzwischen sehr gut aufeinander eingespielt. Und genau dieses Gefühl genieße ich bei aller Anstrengung sehr, im bisherigen Alltag konnte ich das so noch nicht von mir und meinen Einzelteilen behaupten.
Morgen entweder Ruhetag mit anschließendem Passaufstieg aufs Penser Joch am Freitag oder doch gleich weiter Richtung Brixen
