Von Seefeld nach Innsbruck (21 km)
Ach, wie schnell man sich an da süße Nichtstun gewöhnen kann. Besonders wenn ein wunderschöner Wellnessbereich im Hotel lockt, sich eingehend mit dem Wohlbefinden des geplagten Körpers zu beschäftigen, und das ist ja auch mal eine Aufgabe auf meinem Langstreckenmarsch. Inzwischen ist der stetig sich meldende Ischias-Nerv ein gut vertrauter Bekannter geworden, der immer wieder neue Kollegen und Freunde vorstellt, unterwegs beim Laufen, aber auch und gerade an Ruhetagen, wo auch die anderen Körperstellen mal zu ihrem Recht auf Aufmerksamkeit kommen wollen. Und sie bekommen diese und werden verwöhnt in der Infrarotkabine und der Dampfsauna, auf das sie sich wieder beruhigen mögen, was sie aber in nur zwei Tagen partout nicht hinbekommen.
Da hilft nur Weitergehen, was tatsächlich inzwischen einen wohltuenden Effekt auf alle Bereiche des Wanderkörpers hat, weil eben die Konzentration dann wieder auf andere Dinge gelenkt ist. Zum Beispiel die verdammt steilen Abstiege ins Inntal hinab, die Verkehrsmassen auf der A12, welche einem auf dem herrlich klingenden Inntal-Radweg direkt entgegen kommen über 6 Kilometer oder natürlich die sich stetig verändernden Landschaften in dieser Bergwelt, die als Wandersmann so ungleich intensiver wahrgenommen werden, als das aus dem Auto oder Zug jemals möglich wäre. Die Langsamkeit schärft nicht nur Sehnen und Muskeln, auch den Blick auf Details am Wegesrand, denn das Gehen selbst wird immer mehr aus dem Vordergrund gedrängt, solange nur links und rechts das gleichmäßige Klackern der Stöcke zu hören ist, ähnlich den meditativen rituellen Wiederholungen von Tönen und Bewegungen, wie sie zu jeder bekannten Religion gehören und die sich irgendwann als sinnstiftend an sich erweisen. Mein Pawlow’sche Glöckchen läutet mit dem ersten Ton des Leki-Sticks nach dem Losgehen. Dann muss es weiter gehen, bis sich irgendwann der Pausengong meldet und die Augen nach der nächsten Bank Ausschau halten. Aber die Abstände werden deutlich größer, wenn ich an die ersten Tage denke, wo noch jede einzelne Sitzgelegenheit auf ihren aktuellen Anziehungswert bewertet wurde.
Nur der Blick auf die noch zu gehende Strecke in der Karten-App ist ein festes Ritual, mindestens im halbstunden-Takt muss ich feststellen, dass auch auf vermeintlich endlosen Geraden doch wieder ein gutes Stück zurück gelegt wurde. Und das ist oftmals besser als eine Pause, die zwar Entspannung, aber eben auch kein Fortkommen bedeutet. Schlecht, also lieber schnell weiter. Den Mittagshunger habe ich schon lange überwunden, dafür ist weder Zeit noch ist es der Motivation zuträglich, eine längere Rast zwischendurch einzulegen.
Abends natürlich stehen alle Rezeptoren und Sinne bereit, endlich Nahrung zu erhalten, wobei das Trinken wichtiger ist als das Essen. Auf letzteres freue ich mich nur, wenn mal etwas Abwechslung zu erwarten ist vom alpenländischen Einerlei aus Schnitzel, G’röschtl und Fritten. Daher in Innsbruck sehr den Thailänder genossen, der endlich mal eine exotische Note in den Speiseplan bringt, wenn ich auch dabei vor Schärfe noch nie so derart viel geschwitzt habe wie hier. Das erste Mal, dass ich zwei Mal am Tag gewaschen habe, aber darauf bin ich ja eingerichtet.
Morgen dann die große Aufstiegsetappe Richtung Brenner, hoffentlich bis Steinach, das wäre mehr als der halbe Weg. Ich will jetzt endlich nach Italien!