Am Inn nach ’sbruck

Von Seefeld nach Innsbruck (21 km)

Ach, wie schnell man sich an da süße Nichtstun gewöhnen kann. Besonders wenn ein wunderschöner Wellnessbereich im Hotel lockt, sich eingehend mit dem Wohlbefinden des geplagten Körpers zu beschäftigen, und das ist ja auch mal eine Aufgabe auf meinem Langstreckenmarsch. Inzwischen ist der stetig sich meldende Ischias-Nerv ein gut vertrauter Bekannter geworden, der immer wieder neue Kollegen und Freunde vorstellt, unterwegs beim Laufen, aber auch und gerade an Ruhetagen, wo auch die anderen Körperstellen mal zu ihrem Recht auf Aufmerksamkeit kommen wollen. Und sie bekommen diese und werden verwöhnt in der Infrarotkabine und der Dampfsauna, auf das sie sich wieder beruhigen mögen, was sie aber in nur zwei Tagen partout nicht hinbekommen.

Da hilft nur Weitergehen, was tatsächlich inzwischen einen wohltuenden Effekt auf alle Bereiche des Wanderkörpers hat, weil eben die Konzentration dann wieder auf andere Dinge gelenkt ist. Zum Beispiel die verdammt steilen Abstiege ins Inntal hinab, die Verkehrsmassen auf der A12, welche einem auf dem herrlich klingenden Inntal-Radweg direkt entgegen kommen über 6 Kilometer oder natürlich die sich stetig verändernden Landschaften in dieser Bergwelt, die als Wandersmann so ungleich intensiver wahrgenommen werden, als das aus dem Auto oder Zug jemals möglich wäre. Die Langsamkeit schärft nicht nur Sehnen und Muskeln, auch den Blick auf Details am Wegesrand, denn das Gehen selbst wird immer mehr aus dem Vordergrund gedrängt, solange nur links und rechts das gleichmäßige Klackern der Stöcke zu hören ist, ähnlich den meditativen rituellen Wiederholungen von Tönen und Bewegungen, wie sie zu jeder bekannten Religion gehören und die sich irgendwann als sinnstiftend an sich erweisen. Mein Pawlow’sche Glöckchen läutet mit dem ersten Ton des Leki-Sticks nach dem Losgehen. Dann muss es weiter gehen, bis sich irgendwann der Pausengong meldet und die Augen nach der nächsten Bank Ausschau halten. Aber die Abstände werden deutlich größer, wenn ich an die ersten Tage denke, wo noch jede einzelne Sitzgelegenheit auf ihren aktuellen Anziehungswert bewertet wurde.

Nur der Blick auf die noch zu gehende Strecke in der Karten-App ist ein festes Ritual, mindestens im halbstunden-Takt muss ich feststellen, dass auch auf vermeintlich endlosen Geraden doch wieder ein gutes Stück zurück gelegt wurde. Und das ist oftmals besser als eine Pause, die zwar Entspannung, aber eben auch kein Fortkommen bedeutet. Schlecht, also lieber schnell weiter. Den Mittagshunger habe ich schon lange überwunden, dafür ist weder Zeit noch ist es der Motivation zuträglich, eine längere Rast zwischendurch einzulegen.

Abends natürlich stehen alle Rezeptoren und Sinne bereit, endlich Nahrung zu erhalten, wobei das Trinken wichtiger ist als das Essen. Auf letzteres freue ich mich nur, wenn mal etwas Abwechslung zu erwarten ist vom alpenländischen Einerlei aus Schnitzel, G’röschtl und Fritten. Daher in Innsbruck sehr den Thailänder genossen, der endlich mal eine exotische Note in den Speiseplan bringt, wenn ich auch dabei vor Schärfe noch nie so derart viel geschwitzt habe wie hier. Das erste Mal, dass ich zwei Mal am Tag gewaschen habe, aber darauf bin ich ja eingerichtet.

Morgen dann die große Aufstiegsetappe Richtung Brenner, hoffentlich bis Steinach, das wäre mehr als der halbe Weg. Ich will jetzt endlich nach Italien!

Ein neues Land

Von Mittenwald nach Seefeld/Tirol (17 km)

Ein angenehm leichtes Wegstück war das, rüber nach Österreich. Durch hügelige Weiden mit herrlichem Baumbestand, dann den Weg entlang der Eisenbahn hoch nach Seefeld, auch noch mal 300 Höhenmeter. Den inzwischen obligaten täglichen Regen konnte ich gut auf der Hälfte in Scharnitz abwettern. Kaum über die Grenze, schon einen Schweizer im Café getroffen, der mir noch Tipps für den Weg gegeben hat.
Und hier im Hotel Charlotte bin ich bei weitem nicht der einzige Schweizer, insgesamt ist im ganzen Ort fast nur Schwyzerdütsch zu hören. Es scheint, als nutzen die Eidgenossen diese Zeit im Interimszustand der Bergwelt, wo alles noch renoviert und geweißelt wird, zwischen der Winter- und der noch nicht begonnenen Sommersaison. Auch der Franken will gespart sein, für die Schweizer sind das ja vorinflationäre Preise hier.
Ich habe mich erst einmal auf etwas Ruhe eingerichtet, hatte bis bisher in den Bergen genug zugemutet. Meine Walking-Stöcke sind neu bereift, der Ischias mit Wärmepflaster versorgt, die Haare sind frisch gestutzt und die Seele labt sich bei Halbpension. Allerdings kribbelt es auch sofort wieder in den Füßen weiterzugehen. So einfach ist das nämlich mit dem Pausieren gar nicht, denn erst hier im Ferienort kommt bei mir das Gefühl der Einsamkeit auf, ganz anders als auf meinen Wegen allein auf der Straße, auf Wirtschaftswegen oder im Wald. Meinen Rhythmus auf diesem Weg mit anderen zu teilen hätte ich jetzt auch keine Lust mehr, das mache ich erst wieder nach meiner Rückkehr. Vielleicht muss ich es dann auch erst wieder lernen…

Zwei Tage Pause in Seefeld, dann Sonntag weiter nach Innsbruck

Am Rande von Deutschland

Von Kochel nach Mittenwald (31 km)

Die Grenze ist nicht mehr weit. Da merkt man zwar nichts von, aber morgen ist der lange Deutschland-Teil meiner Wanderung zu Ende. Trocken wars, anstrengend wars, schließlich sind auch noch über 600 Höhenmeter dazu gekommen, beeindruckend schön wars, denn die Bergkulisse links und rechts bildet ein angemessenes Spalier für meinen Auszug gen Österreich und weiter nach Italien.
Ziemlich ermattet verbringe ich den Rest des Tages in unsäglichem Kitsch in meinem Hotel in Mittenwald. Nicht nur, dass die Häuser alle mit Graffiti (hier vornehm Lüftelmalerei genannt) vollgemalt sind, auch innen ist Schlichtes verpönt, es muss anscheinend immer von allem viel zu viel da sein. Schlafe heute mit drei Seidenrosen am Stiel, sorgsam einzeln um das Bett drapiert. Und in 15-20 Jahren ist dann alles Dornröschenmäßig zugewachsen, wenn das jetzige Publikum nicht mehr auf Erden weilt. Neues wird auf diese Weise kaum kommen. Aber zum Thema Hotels auf dem Weg vielleicht mal ein separates Kapitel, wenn etwas mehr Zeit ist. Jetzt braucht der Wanderschaufel Erholung.

Morgen rüber nach Österreich bis Seefeld in Tirol

Abstieg

Von der Tutzinger Hütte nach Kochel am See (13 km)

Nein, ich bin nicht mit dem Helikopter geflogen, auch wenn der Weg es suggerieren mag, den mein heute ziemlich nass gewordenes iPhone aufgezeichnet hat – oder eben auch nicht.
Was leider auch nicht aus der Karte hervorgeht, das sind die Höhenmeter, die eine Strecke von 6 km von der Hütte auf 1330 Metern bis nach unten ins Tal von Benediktbeuern durchaus mal 3 Stunden dauern lässt. Aber das war klar heute morgen, das die tiefen Wolken an der Benediktenwand mich nicht sonderlich gereizt haben, erst einmal 400 Meter aufzusteigen, bevor ich dann meinen eigentlich geplanten Weg nach Jachenau erreicht hätte. Also runter, was sich deutlich einfacher anhört, als es bei diesem Sauwetter war. So mancher Wegabschnitt mit seinem Steinbett meinte aufgrund der Himmelswasser-Zufuhr, zum Bach mutieren zu müssen.

Und nachdem ich mich zunächst gegen meine konstante Süd-Richtung gen Norden bewegen musste, um sicher aus der Höhe abzusteigen wurde der Regen immer dichter, so dass unten im Tal die Bushaltestelle eine mächtige Versuchung darstellte. Aber nein, das letzte Stück durch das Moor (Moar) wollte abgegangen sein, was dann bei all der Nässe um mich herum auch egal war. Im Franz Marc-Museum war ich ja schon letztes Jahr im Herbst (absolut sehenswert, baulich und inhaltlich), der Blaue Reiter, sonst von mir sehr geschätzt, ist dieses Mal so gar nicht mein Thema und ich habe es lieber ausgenutzt, dass ich ein ‚Pilgerzimmer‘ ohne Dusche habe. Diese ist nämlich im Schwimmbad, was ich dann nach einem wirklich unangenehmen Tag ganz für mich alleine hatte. Der Badehose zweiter Einsatz auf dem Weg. Was freue ich mich, wenn sie endlich das Salz des Mittelmeers zu spüren bekommt.

Bis dahin: Unwetter-Warnung für Südbayern. Na prima…

Morgen weiter Richtung Innsbruck, hoffentlich schaffe ich es bis Mittenwald.

Steinböcke an der Wand

Von Bad Tölz zur Benediktenwand (17 km)

Nachdem meine neuen Bekannten aus dem tiefen Niederbayern schon früh aufgebrochen waren, habe auch ich mich an den Weg von der Tölzer Innenstadt die Isar entlang gemacht, weiter nach Lenggries. Von weitem schon hat sie mich angelacht, die Brauneck-Seilbahn und es war mir unmöglich, dieser perfekt gerade nach oben geschlagenen Schneise zu wiederstehen. 800 Höhenmeter sparen, das hat gereizt. Oben dann erst mal verspätetes, da nach 12 Uhr mittags, Weißwurstfrühstück im Panoramarestaurant. Nichts zu sehen, es war schon mächtig wolkig-undurchsichtig auf 1550 Metern. Entsprechend war die Menschenfülle ‚droben‘ ziemlich überschaubar. Imponiert hat mir eine Gruppe mit behinderten Menschen, die mit dem Rollstuhl nach oben gekarrt wurden, die letzten Meter aber allein gehen wollten und mit frenetischem Beifall bei jedem gelungenen Schritt bedacht wurden. Toll.

Mit den letzten Internet-Signalen noch das Regenradar gecheckt, ab 14.15 Uhr sollte es regnen. Na, man muss ja nicht alles glauben, vor allem, wenn man gerade nicht will. Also fröhlich um 13.45 losgegangen, erst flach, dann steil auf Geröllpfaden nach oben. Die Vorhersage hat auf die Minute gestimmt. Und 50 Minuten später wunderte sich die Schafherde, welche sich bereits mit einigem Glockengeläut angekündigt hatte, welcher Idiot sich da unter der Tanne geparkt hat, mit leicht rundem Rücken, dem Regenablauf geschuldet. Aber irgendwann haben sie mich dann passiert, nachdem ich höflich den Weg etwas weiter frei gemacht hatte. Und da weiters Warten auch nichts gebracht hätte bin ich irgendwann in fröhlichem Gekraxel und Gerölle die Felsen auf und ab gegangen, zwischenzeitlich nicht mal mehr den Weg im Regen findend. Da wurde es fast schon existenziell, aber das Wanderherz war groß genug zum Weitergehen, was auch sehr viel mit einem akuten Mangel an Alternativen zu tun hatte. Und wo der Wegweiser von 2,5 Stunden zur Tutzinger Hütte sprach habe ich glatte 4 gebraucht. Aber ich bin heile angekommen, immerhin, natürlich fix und fertig.

Dem Wetter hatte ich dann auch einen Einzelschlafplatz in einem 4er-Zimmer zu verdanken, es war einfach zu wenig los, da ließ sich Hüttenwirtin Elke erweichen. Und als sich dann nach den Niederbayern auch noch der Hüttenwirt Hans nach einer kurzen Abendrunde (!) über die Benediktenwand mit an den Stammtisch setzte war das Hüttenidyll komplett. Natürlich gab es zu Schnitzel und Bier wieder die üblichen Verständigungs-, zumindest aber Verständnisprobleme mit der jetzt quer durch Bayern gemischten Mundart, aber auch daran gewöhnt man sich. Und das Gespräch drehte sich dann nicht nur um die direkt vor uns 500 Meter aufragende Bene-Wand (Schwierigkeit 7-8, ab 6 beginnen die Überhänge…), sondern es ging weiter vom Anapurna-Massiv in Nepal, vom Kilimandscharo und von den verschiedenen Anden-Gipfeln, die das Wirtepaar in der Betriebsfreien zeit bereits bestiegen hat. Aufpassen muss der geneigte Norddeutsche, den hiesigen Heimat-Slang nicht mit Provinzialität zu verwechseln, das geht schnell in die Hose.

Mein Schlaf in dieser Nacht war der vielleicht beste bisher, nach Gebirgstour in dieser absolut reinen Bergluft kann man einfach nicht anders. Sogar der Ischias hat mal Pause gemacht, immerhin…

Morgen weiter nach Wallgau

Ran an die Alpen

Von Schäftlarn nach Bad Tölz (32 km)

Man könnte schon verzweifeln, wenn man die letzten 7 km zu seinem Tagesziel wieder einmal nur entlang der stark befahrenen, hier in der Gegend natürlich auch besonder schick motorisierten Landstraße ohne Rad- oder Fußgängerweg versehenen Straße auf dem Randstreifen entlang wandern muss. Welche Windschleppen so ein massiger SUV hinter sich herzieht und wie angenehm dagegen ein röhrender Porsche sein kann, der als Flachmobil zumindest den Sog auf die Fahrbahn nicht zu stark werden lässt: Danke, Ferdinand, dass deine Autos hier so geschätzt werden.

Dabei fing alles wieder so an, wie es am Vortag geendet hatte: Kiesige Wege entlang der Isar, der Duft von lebendigem Wald gepaart mit dem kalten Isar-Wasser, eigentlich perfekt an diesem erneut warmen und weitgehend sonnigen Tag. Und natürlich die perfekte Infrastruktur, mit gut gefüllten Biergärten in regelmäßiger Abfolge, die auch den weiterhin Ischias geplagten Wanderschaufel zu einer kurzen Rast animiert haben. Radler only, versteht sich. Aber die dann doch drei mal. Hoffentlich lerne ich in Italien wieder, meinen Durst auch ohne diese verlockenden Biermengen zu stillen, das kann sich dort nämlich preislich niemand leisten – und bei mir hat sich der Preis in Bayern gegenüber Unterfranken hier im Touri-Land so gut wie verdoppelt (Memories: Die Halbe Kellerbier hinter Bamberg 2€ Einheitspreis, mmmmmhh)

Ein Hotel hatte ich nicht reserviert in Bad Tölz, so dass ich erst mal in die Stadt gegangen bin, nach einem Zimmer Ausschau zu halten. Booking.com versprach das Zimmer im Kolberbräu an der Flaniermeile für 55€, was ich eigentlich zu teuer fand. Aber nach Inspektion der Örtlichkeit fielen mir auf den Außenplätzen des Hauses drei Männer in meinem Alter mit dicken Rucksäcken ins Auge, die auch auf Tour sind und in ebendiesem Hotel bereits gebucht hatten. Nachdem ich dann auch noch ihr nächstes Ziel erfahren habe bin ich einfach geblieben, denn auch diese drei niederbayrischen Jungs gehen morgen auf die Tutzinger Hütte, sie machen zumindest die erste Woche der Hamburg-Venedig-Route als Teilstück. Gut, sie haben Schneeschuhe dabei, was mich nicht wirklich beruhigt hat, aber sie wollen auch noch auf die Birkkarspitze mit 2750 Metern, was ich mir als Fernwanderer gut schenken kann, dafür ergibt sich bestimmt noch ein anderes Mal Gelegenheit.

Nun haben wir gemeinsam gut gespiesen, die Jungs sind früh ins Bett, weil sie auch rechtzeitig los wollen morgen. Ich dagegen fröhne noch meiner Chronistenpflicht und habe schon fast sicher entschieden, dass der erste Aufstieg in die alpinen Regionen morgen bei mir eine Seilbahnfahrt werden wird, wenn ich nicht noch einen kräftigen Prinzipienschub bekomme. Aber einmal muss doch auch dieser stets wunderbare Gondelblick erlaubt sein, denn bei allem Schiss, den ich mit vielen Menschen gemeinsam an einem Stahlseil hängend habe: Bergbahnfahren ist schon etwas tolles! Das letzte Mal war ein Rentner-Sessellift auf den Hausberg von Bad Lauterberg im Harz, vor 4 Wochen…

Morgen weiter über Lenggries auf die Tutzinger Hütte im Karwendel-Gebirge

Fluss und Flöße

Von München zum Kloster Schäftlarn (22 km)

Nein, eigentlich habe ich dem Verkäufer im Outdoor-Superstore in Münchens Shoppingcity nicht wirklich vertraut, aber die neuen Schuhe – jetzt dann Größe 48!! – sind wirklich der Hit. Mit neumodischer Klemmschnürung oder wie das heißt, aber superbequem und bisher ohne Blasenerscheinung, dafür aber mit frischer Dämpfung, was mich gerade auf Asphaltwegen sehr begeistert.

Nicht das es viel Asphalt gibt, wenn man aus München raus läuft. Kein Wunder, das der klassische Graßler-Weg (Von München nach Venedig nach Ludwig Graßler, der ihn zuerst 1977 begangen und beschrieben hat) direkt im Herzen der Großstadt losgeht. So also auch ich, nach drei sonnig-warmen Tagen mit den Stadtklassikern wie Englischer Garten, Pinakotheken, Prinzregentenbad (Bäderland Hamburg: Anschauen und auch mal so was schickes schaffen!) und Schwabing-Erkundung. Start mit dem Glockenspiel am Rathaus um 12, dann noch ein paar Wohnstraßen, einen Espresso für den Kick, schon ist man in den Isarauen abgetaucht, betrachtet die vielen Urlaubsszenen (noch) mitten in der Stadt und läuft auf fast schon alpin anmutenden Wegen diesen himmelblau schimmernden Fluss hinauf Richtung Gebirge. Radfahrer in großen Massen, auch ein paar ‚Nackerte‘ beim Sonnenbaden, ein neuer Tatort wird gedreht, am Tierpark Hellabrunn entlang und schwupps – Musik in voller Dröhnung. Party, Festival? Ständig neue Sounds und Songs, dann wird es mir klar: Auf dem Nebenstrang der Idar, dem Isarkanal sind die Flöße los. Klar, Samstag, bestes Wetter, wer steht da nicht gerne auf zusammengeschraubten Baumstämmen herum, schüttet sich das Helle hinein und laut dabei den gnadenlos aufspielenden Unterhaltungscombos, deren Pausen problemlos vom Vorder- oder Nachfolgerfloß überspielt werden. So viel Bühne auf kurzer Strecke war nie.

Aber mit Musik geht ja bekanntlich alles besser, so dass auch meine Schritte durchaus bescheunigt wurden von Hits, deren Titel ich hier mich nicht herablassen werde zu nennen – wir kennen sie (leider) alle! Radler gab’s beim Brückenwirt in Grünwald, das Ankommensbier dann beim Klosterwirt bzw. der Klosterwirtin Frau Krauß, natürlich bevor ich mein Zimmer bezogen und die Wäsche erledigt hatte.

Im Kloster selbst stand ein klassischer Abend mit Brahms und Mozart auf dem Programm, so dass dieser kaum als Ort zu bezeichnende Weiler mit lauter Silberlocken im Sommer-Ausgehgewand und Kissen unter dem Arm bevölkert war. Um 19:00 Uhr dann Ruhe, nur noch wenige Menschen zu sehen auf der Terrasse des Hauses, die Kultur nahm im Inneren des Sakralbaus ihren Lauf. Und ich hatte Gelegenheit, zu vergleichen, welches denn nun meine Kultur ist und vielleicht zukünftig sein wird. Wandern oder Mozart? Dann dachte ich an meine Sarastro-Übungen mit lautem Bass-Gesinge, was ich schon mal zwischendurch im Wald ode auf einsamen Wegen rauslasse. Neben anderem, was hier nicht erwähnt werden soll… Kein echtes Fazit, beides hat für mich großen Wert im Leben, die Musik wie auch das zu Fuß gehen, aber ich genieße es einfach, mich momentan auf Letzteres konzentrieren zu dürfen. Und – hatte ich es bereits geschrieben – ja: Es ist der Luxus schlechthin, dass ich jetzt genau dafür und für nichts anders sonst Zeit habe. Besser gesagt mir die Zeit genommen habe. Denn egal, mit wem ich spreche: Die Zeit ist immer ein Thema, die man für ein Unterfangen wie meines braucht, aber es kann nie etwas werden, wenn man darauf wartet, dass man die Zeit HAT. Man muss sie sich nehmen, was bei drei Monaten natürlich immer einfach machbar, aber andererseits einfach notwendig ist.

Und so zeitlos, wie ich es gerade erlebe, war letztlich der ganze Flecken Kloster Schäftlarn, aber das mag ganz wesentlich an meinem eigenen geerdetem, quasi zeitlosen Zustand zu liegen. Zeit ist für mich inzwischen nur noch Weg, sie zerschneidet nicht mehr den Tag, sie teilt ihn nicht mehr in viele kleine Häppchen ein. Zeit hat auf der Wanderung nur noch eine Länge, nämlich die vom Start zum Ziel. Sonst nichts, und das macht sie ungleich besser erträglich als es jemals im Alltag möglich wäre.

Meine Armbanduhr habe ich gestern aus München zurück nach Hause geschickt. Gewicht sparen und Ballast abwerfen, die letzten drei Wochen hat sie nur noch im Rucksack unnütz herum gelegen.

Morgen weiter nach Bad Tölz

Servus Minga!

Von Hohenbercha nach München-Schwabing (27 km)

Drei Dinge, die sich heute ereignet haben. Als erstes: Anbaden im Unterschleißheimer See, bei ungewohntem Lärm durch die Autobahnen drumherum, aber ansonsten in glasklarem Wasser bei sehr spärlicher Uferbevölkerung – nix los! Den Tipp bekam ich in Hainhausen bei meiner mittäglichen Halbzeit-Radlerpause von einem älteren ebensolchen, der mir alles an Kartenmaterial unter die Nase gehalten hat, was er in seiner Tasche hatte. Und das war viel! Nun bin ich mir wieder unschlüssig über die genaue Alpenquerung, die ich einschlagen werde, denn den Brenner hat er mir, wahrscheinlich völlig zu recht, ordentlich madig gemacht. Aber noch ist ja genug Planungszeit.

Dann habe ich zweitens heute mein großes Zwischenziel München erreicht und freue mich wie Bolle. Nur auf den Füßen, nicht mit dem Fahrrad, was auf sportlichem Wege durchaus häufiger vorkommen soll, wie ich auf meiner Tour gelernt habe. Auch bin ich jetzt exakt auf der Hälfte der eingeplanten Zeit, so dass noch genug Reserven für alle Unwägbarkeiten des Weges und vor allem des Wetters abgefedert werden können. Bisher kann ich mich ja wirklich nicht beschweren, das hätte viel viel schlimmer kommen können.

Drittens habe ich dann mal meine Schuhe einer genaueren Inspektion unterzogen und muss feststellen, dass sie wohl ihre Schuld nach ca. 1000 km incl. Trainingstunden erfüllt haben. Sie sind einfach hin, das Profil ist komplett runter gelatscht, die obere Membrane hat Löcher auf beiden Seiten – nix mehr GoreTex – und ich werde wohl die Gunst der Großstadt nutzen und mir neue besorgen müssen. Schließlich kommen noch mal 600 km oben drauf, bis der Cappucino auf dem Markusplatz geschlürft werden wird. Aber bitte mit vernünftigem Schuhwerk, auf meine ansonsten gute Zusammenstellung und Qualität der Ausrüstung habe ich mich bisher gut verlassen können, so soll es bitte auch bleiben.

Weiter geht es am Samstag, die Isar Richtung Süden runter. Und bis dahin ist
PAUSE.

Vom Hopfen zur Lederhose

Tag 36: Von Pfaffenhofen nach Hohenbercha (20 km)

Die 6. Woche der Wanderschaft ist angebrochen und der weiß-blaue Himmel voller Flugzeuge (ein bisschen auch der Bauch angesichts meines großen Zwischenzieles) sagt mir, dass ich nicht mehr weit entfernt von München sein kann. Tatsächlich kannte ich diese Gegend bisher eher von diversen Landeanflügen, jetzt darf ich die Jets mal vom Boden grüßen. Und das aus dieser immer noch sehr landwirtschaftlich geprägten Gegend. Natürlich ist das wichtigste, im gestrigen Beitrag gesuchte und vor allem teuerste Produkt hier der Hopfen, der nur in sehr wenigen Weltgegenden in der brauereiseitig geforderten Qualität entsteht. Hier hat jeder eine Fläche rumstehen, groß auf dem Feld oder auch klein im – zumeist ziemlich großzügig geratenen – Garten

Immerhin: Es gibt auch noch genug Wald, durch den ich mich heute, am ersten wirklich warmen Tag des Mai, per iPhone navigieren durfte. Da gibt es schon mal Missverständnisse und es endet schnell auf einem tiefmatschigen Weg, der dann eben quer durch die Bäume umgangen wird.
Das kostet Zeit, das kostet Kraft, und an das echte Wärme-Schwitzen habe ich mich auch noch nicht gewöhnt. Daher klingt diese Etappe heute etwas früher aus als geplant, denn ich muss auch noch froh sein, ein Hotel für NUR 59€ gefunden zu haben. Zwischendurch schon ordentlich Smartphone recherchiert und telefoniert, aber hierher reicht der Kostenarm von Deutschlands teuerster Stadt allemal, es sind ja nur noch 25 km bis zur Leopoldstraße. Genau dort um die Ecke habe ich mir für die nächsten drei Tage ein AirBnB-Quartier besorgt, wo ich mich schon drauf freue, endlich mal wieder selber etwas kochen zu können. Das gehört zu den Dingen, die ich unbedingt vermisse aktuell. Neben meiner Familie natürlich, an die ich viel denke, auch und gerade wenn ich ganz bei mir bin. Und das bin ich oft und gerne und genieße es.
Ansonsten lautet der Plan, der aktuellen Sommerwetterlage entsprechend: an der Isar liegen und die Beine endlich mal wieder etwas länger zu schonen, bevor die Alpen kommen. Einen Schatten davon konnte ich heute schon von einem der vielen Hügel hier erblicken.
…und das ist jetzt hier in der Wirtschaft von Andreas Hörger die erste Terrasse mit lederbehosten Kellnern. Neben den nur durch höchste Konzentrationsleistungen zu verstehenden Einheimischen ein unbedingter Schuss Lokalkolorit der klischeehaften Art.

Morgen dann nach München-Schwabing. Wird die Sprache da deutlicher?

Über die Donau

Von Ingolstadt nach Pfaffenhofen an der Ilm (32 km)

Was ist das heute wieder gut gelaufen, trotz Ischias, Runzelzehen und den anderen inzwischen lieb gewonnenen Zipperlein. Nach etwas zähem Auszug aus Ingolstadt, entlang der Gewerbegebiete, wie bei größeren Städten üblich, wurde es erstaunlich ländlich und ruhig, was mich inzwischen wirklich sehr sehr freut. Das Ablaufen von Bundesstraßen ist eben ein hartes Brötchen, wie am Schluss dann wieder auf der B13 vor Pfaffenhofen heraus kam, mit der geballten PS-Power dieses eindeutig übermotorisierten Landstriches, die den Wanderer zu so manchen Ausweichmanövern ins Bankett zwingt. Bisher kannte ich diese Thematik eher aus dem Hotelbereich, jetzt bin ich zum Straßenkenner und vor allem -meider geworden, wann immer möglich. Aber manchmal bleibt eben nichts anderes übrig, als die Bundesstraßen zu nutzen, solange man nicht durch den Wald oder Wirtschaftswege entlang gehen kann.

Und dann Pause nach 14 km in Reichertshofen auf einen Cappucino in der lokalen Gelateria, und endlich kann man sein rudimentäres Italienisch anwenden bei netten Betreibern, die nicht verzweifeln, sondern einfach weiter italienisch parlieren und dem Wanderschaufel auch noch das Wort „Schwitzen“ erklären und deklinieren. Allora: Sudavo troppo oggi! Grazie per la sua assistenza linguale. Und als Geschenk gab es noch eine Pepsi aufs Haus für den Weg. Ancora: Grazie! Faccio sicuramente a Venezia, con piú aiuti come la sua.

Immerhin zwischendurch durch wunderbar sanfte Hügellandschaften gegangen, die hier in der Gegend erstaunlich vielfältig genutzt werden, mit Blick auf Dammwild, auf Roggen- und frisch bestellte Maisfelder, mit Waldstücken dazwischen, und natürlich mit dem Hauptprodukt der Gegend hier, dem ???
–> Achtung, es handelt sich bei “ ???“ mal wieder um ein gesuchtes Produkt im Rahmen des beliebten Wanderschaufel-Quiz!
Der Preis: Ein großes Quantum des üblicherweise aus diesem landwirtschaftlichen Erzeugnis hergestellten Endproduktes. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen, links kann man es ja mal versuchen…

Nun ist es interessant festzustellen, wer sonst noch so in dieser Weltengegend im nördlichen Münchner Umland herumhängt. Dazu zählen: Monteure aus Polen, Türkei-Touristen mit Flug über München (max. 30 km zum Flughafen) und Gleisbauer aus NRW (Herne), die sich mit den bayerischen Bahn-Neubaustrecken auseinander setzen, an denen ich heute auch so manchen Kilometer langlaufen durfte. Jetzt noch ein zickiges Lesben-Pärchen am Tisch gegenüber, aus dem Saarland oder sonstwo westlich, dann ist zusammen mit eurem wanderndem Chronisten die Runde komplett. Prima, dass ordentlich Obstler ausgeschenkt wird, passt zum Ambiente. Brauch ich jetzt auch, nach einem völlig überdimensionierten Steak-Teller. So klappt es dann auch mit der Altmatratze im Zimmer, die mich verdächtig an die gestrige Jugendherberge erinnert (über die ich hier mal garnicht meckern will, war auch irgendwie cool…).

Morgen weiter auf Unterföhring zu