Fluss und Flöße

Von München zum Kloster Schäftlarn (22 km)

Nein, eigentlich habe ich dem Verkäufer im Outdoor-Superstore in Münchens Shoppingcity nicht wirklich vertraut, aber die neuen Schuhe – jetzt dann Größe 48!! – sind wirklich der Hit. Mit neumodischer Klemmschnürung oder wie das heißt, aber superbequem und bisher ohne Blasenerscheinung, dafür aber mit frischer Dämpfung, was mich gerade auf Asphaltwegen sehr begeistert.

Nicht das es viel Asphalt gibt, wenn man aus München raus läuft. Kein Wunder, das der klassische Graßler-Weg (Von München nach Venedig nach Ludwig Graßler, der ihn zuerst 1977 begangen und beschrieben hat) direkt im Herzen der Großstadt losgeht. So also auch ich, nach drei sonnig-warmen Tagen mit den Stadtklassikern wie Englischer Garten, Pinakotheken, Prinzregentenbad (Bäderland Hamburg: Anschauen und auch mal so was schickes schaffen!) und Schwabing-Erkundung. Start mit dem Glockenspiel am Rathaus um 12, dann noch ein paar Wohnstraßen, einen Espresso für den Kick, schon ist man in den Isarauen abgetaucht, betrachtet die vielen Urlaubsszenen (noch) mitten in der Stadt und läuft auf fast schon alpin anmutenden Wegen diesen himmelblau schimmernden Fluss hinauf Richtung Gebirge. Radfahrer in großen Massen, auch ein paar ‚Nackerte‘ beim Sonnenbaden, ein neuer Tatort wird gedreht, am Tierpark Hellabrunn entlang und schwupps – Musik in voller Dröhnung. Party, Festival? Ständig neue Sounds und Songs, dann wird es mir klar: Auf dem Nebenstrang der Idar, dem Isarkanal sind die Flöße los. Klar, Samstag, bestes Wetter, wer steht da nicht gerne auf zusammengeschraubten Baumstämmen herum, schüttet sich das Helle hinein und laut dabei den gnadenlos aufspielenden Unterhaltungscombos, deren Pausen problemlos vom Vorder- oder Nachfolgerfloß überspielt werden. So viel Bühne auf kurzer Strecke war nie.

Aber mit Musik geht ja bekanntlich alles besser, so dass auch meine Schritte durchaus bescheunigt wurden von Hits, deren Titel ich hier mich nicht herablassen werde zu nennen – wir kennen sie (leider) alle! Radler gab’s beim Brückenwirt in Grünwald, das Ankommensbier dann beim Klosterwirt bzw. der Klosterwirtin Frau Krauß, natürlich bevor ich mein Zimmer bezogen und die Wäsche erledigt hatte.

Im Kloster selbst stand ein klassischer Abend mit Brahms und Mozart auf dem Programm, so dass dieser kaum als Ort zu bezeichnende Weiler mit lauter Silberlocken im Sommer-Ausgehgewand und Kissen unter dem Arm bevölkert war. Um 19:00 Uhr dann Ruhe, nur noch wenige Menschen zu sehen auf der Terrasse des Hauses, die Kultur nahm im Inneren des Sakralbaus ihren Lauf. Und ich hatte Gelegenheit, zu vergleichen, welches denn nun meine Kultur ist und vielleicht zukünftig sein wird. Wandern oder Mozart? Dann dachte ich an meine Sarastro-Übungen mit lautem Bass-Gesinge, was ich schon mal zwischendurch im Wald ode auf einsamen Wegen rauslasse. Neben anderem, was hier nicht erwähnt werden soll… Kein echtes Fazit, beides hat für mich großen Wert im Leben, die Musik wie auch das zu Fuß gehen, aber ich genieße es einfach, mich momentan auf Letzteres konzentrieren zu dürfen. Und – hatte ich es bereits geschrieben – ja: Es ist der Luxus schlechthin, dass ich jetzt genau dafür und für nichts anders sonst Zeit habe. Besser gesagt mir die Zeit genommen habe. Denn egal, mit wem ich spreche: Die Zeit ist immer ein Thema, die man für ein Unterfangen wie meines braucht, aber es kann nie etwas werden, wenn man darauf wartet, dass man die Zeit HAT. Man muss sie sich nehmen, was bei drei Monaten natürlich immer einfach machbar, aber andererseits einfach notwendig ist.

Und so zeitlos, wie ich es gerade erlebe, war letztlich der ganze Flecken Kloster Schäftlarn, aber das mag ganz wesentlich an meinem eigenen geerdetem, quasi zeitlosen Zustand zu liegen. Zeit ist für mich inzwischen nur noch Weg, sie zerschneidet nicht mehr den Tag, sie teilt ihn nicht mehr in viele kleine Häppchen ein. Zeit hat auf der Wanderung nur noch eine Länge, nämlich die vom Start zum Ziel. Sonst nichts, und das macht sie ungleich besser erträglich als es jemals im Alltag möglich wäre.

Meine Armbanduhr habe ich gestern aus München zurück nach Hause geschickt. Gewicht sparen und Ballast abwerfen, die letzten drei Wochen hat sie nur noch im Rucksack unnütz herum gelegen.

Morgen weiter nach Bad Tölz

2 thoughts on Fluss und Flöße

  1. Die Dinge die man am meisten bereut im Leben sind nicht die die man getan hat, sondern die die man nicht getan hat!
    Also sei froh, dass Du Dir die Zeit genommen hast 😉

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