Das Ziel ist das Ziel

Von Cognola zum Lago di Caldonazzo (18 km)

Nach dem heutigen Tag habe ich so ziemlich den Kaffee auf. Wieder zu heiß, wieder zu viele Autos, auch noch verlaufen – und jetzt sitze ich bei starkem Gewitter am Lago und neben mir brüllt eine Schulklasse wie wild. Nein, kein guter Tag für innere Einkehr, wie ich sie doch gesucht und zwischenzeitlich auch durchaus gefunden habe. Im Moment wünsche ich mich auf eine einsame oder zumindest ruhige Berghütte, in trauter Zwiesprache mit Murmeltieren oder Steinböcken oder egal welch anderem Getier.

Auch mein Stamm-Mitwanderer seit Innsbruck ist wieder überraschend auf- und gleich wieder abgetaucht. Kein Verlust, ist doch seine Strecke die gleiche, sein Weg aber ein anderer. Ich lasse mir statt vom Pilgerbuch lieber von Dichtern den Weg weisen, wie von dem hier:

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Ich hoffe sehr, meine Richtung und auch meine Motivation morgen wieder zu finden, fort vom Campingstrand und stramm weiter zum Dogen. Immerhin hat es ordentlich abgekühlt. Dass mich das mal freuen würde…

Morgen weiter nach Borgo Valsugana

Ciao Adige, Richtungswechsel

Von Salurn nach Cognola hinter Trient (26 km)

Nachtrag: Bei Gewitter über den ganzen Bergen um mich herum gut gegessen und getrunken, dafür den Bus runter in die Stadt (Trento) ausgenutzt, dessen Benutzung im Zimmerpreis eingeschlossen war. Da heute schon ein Großteil des Aufstiegs geschafft wurde geht es morgen hoffentlich etwas flacher weiter. Nicht dass ich nicht mehr könnte, aber so langsam erreiche ich Grenzen der Belastung, jeden Tag diese Strecken mit 10 Kilo auf dem Buckel. Auch das tägliche ein-und auspacken wird immer mühsamer, jeden Tag neue Infrastruktur, neue Gastgeber und immer wieder meine immer gleiche Geschichte – ich kann sie bald selbst nicht mehr hören. Bald bricht die zehnte Woche an und es wird Zeit, dass ich ans Ziel komme.

Morgen weiter nach Levico Terme

Flirrender Fahrradweg

Von Branzoll nach Salurn (21 km)

Heiß heiß heiß – noch nie so viel geschwitzt in meinem Leben. Kein Wunder, ohne Schatten die Etsch entlang. Der Asphalt dampft, irgendwann ziehen sich die Wolken wieder zusammen und es fallen dicke warme Tropfen, die das Tropenklima nur noch verstärken. Wie gut, wenn man dann am Ziel Salurn, der deutsch-italienischen Sprachgrenze, zufällig eine wunderbare Jugendherberge findet und dort auch noch in alten Gemäuern seine eigene Dusche hat. Kaltes Wasser, aaahhh.

Das echte Gewitter sollte noch folgen, aber dann war die Luft auch wieder bereinigt von des Tages Hitze. Und ich konnte es gemütlich aus der Pizzeria genießen. Die Schnitzeltage sind jetzt entgültig vorbei. Die Zeit auf dem Fahrradweg-Damm leider noch nicht…

Morgen weiter nach Trient

Arrivato nell‘ Italianitá

Von Klobenstein nach Bronzolo (26 km)

Guckt euch die Route an: 1200 Höhenmeter aus unbeschwert deutschsprachigen Ferienwelten steil runter durch nadelduftenden Wald, heiße Weinberge und kühlende Shoppingsrkaden, Ötzi die Referenz als Wanderkumpan erwiesen (sehr empfehlenswerte Ausstellung in Bozen), dann 12 weitere km bei 37″ entlang der belebten Ausfallstraße und durch die Apfelplantagen. Jetzt zwischen rein italienischen Geburtstagsfeiern fern jeglicher Ferienparaphenalia, von der Hitze abgesehen, in der Pizzeria des Ortes gelandet. Perfetto, keiner spricht mehr richtig deutsch!
Sono veramente stanco adesso…

Aufgeschnappt am Rande auf der Trinker-Terrasse nachts bei immer noch 27″:
„la cosa é la cosa“ – es is‘ so wie es Is‘! Gruß an Steffi’s Schlemmerbistro-Crew. Filosofie is‘ überall, nicht nur auf NDR2. Merkt man besonders, wenn man am Ritten die Dr.(soviel Zeit muss sein)-Sigmund-Freud-Promenade langgelaufen ist, so wie ich heute die erste Stunde. Analyse ist aber eigentlich permanent auf dem Weg. Promenade sowieso…

Was er wohl so gedacht hat auf seinem kalten Weg über den Gletscher vor über 5000 Jahren? Mit ihm hätte ich mich gerne über Wege und Ziele unterhalten.

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Morgen die Etsch runter weiter Richtung Trento

(Noch ein Wanderschaufel-Quiz: ich LIEBE das Wort Italianitá. Schwer zu übersetzen, es geht um das italienisch sein an sich. Aber wird es groß geschrieben? Firmen Linguisten sei hier eine Pizza eurer Wahl nach des Wanderers Rückkehr versprochen!)

Kraftorte am Ritten

Von Barbian nach Klobenstein (12 km)

Auch in der Höhe über der Eisack wurde es heute wieder gnadenlos heiß. Und nachdem ich im fröhlichen Schnack mit meinen Wirtsleuten mal wieder den frühen Aufbruch verpasst habe – die Socken waren auch noch nicht ganz trocken – hat mich jeder der 650 Höhenmeter extrem viel Schweiß gekostet. Aber irgendwann läuft es überall runter und dann ist es auch egal, immerhin ist die entstehende Kühlung ja recht vernünftig organisiert. Und da mir mein Körper inzwischen viel näher ist als vor dem Aufbruch darf er das. Weil er es kann.

Trotzdem schön, auf der ersten erreichten Höhe einen traumhaften, von kundiger moderner Hand gestalteten riesigen Garten mit Rosen, Lupinen und Johannisbeersträuchern zu sehen, der mich magisch anzog. Sah zwar nicht nach Gasthof aus, aber ich habe mal die schicke Chefin am Rasenmäher kurz gefragt, ob es einen Cappucino für mich gäbe. Natürlich gab es den, mit einer großen Karaffe Wasser dazu – und später dem ganzem Garten für mich allein. Denn Frau Ursula, die Hüterin der Designer-Apartments, die in diesem alten Gemäuer entstanden sind fuhr zum Mittagessen, weiter Gäste waren nicht zu sehen, ich dafür als Fernwanderer eingeladen auf den Kaffee und auf ein beliebig langes Verweilen. Ein wirklich kraftvoller Ort mit uralter Kapelle im Hintergrund, der auch ohne Ausblick davon berichtete, dass sich die Menschen dort seit Jahrhunderten wohlfühlen und neue Energie tanken. Der Penzlhof hat natürlich auch eine Webseite, bevor ich jetzt meine bescheidenen Bilder hier reinstelle. Prädikat empfehlenswert.

Ja, Urlaub könne sie hier, die Leute. Immer nett, persönlich und aufmerksam. Die Wirte, meine ich, nicht unbedingt die Gäste, die sich teilweise aufführen, als ob es nach wie vor besetztes Gebiet von Deutschland sei [Kann sich jemand an Zahnschmerzen erinnern, ein Film so aus 1975 circa, der mit der Idee von Südtirol als Teil eines siegreichen deutschen Reichs spielt? Der erste Mann auf dem Mond natürlich Reichsdeutscher, hihi]. Da ist die Frage nach adäquaten Poliermethoden für das Auto wichtiger als die Beschäftigung mit Land und Leuten, was zumindest von den Gastgebern lächelnd hingenommen wird, ich aber manches Mal schon als peinlich empfunden habe.

Abseits der Einkehrmöglichkeiten ist mein Weg aber weiterhin großteils allein, mit mancher Extraschleife durch phantastische Kastanienwälder und wilde Fels-Sand-Stalagmiten mit Steinhaube drauf, um die letzten Tage in den Bergen auch richtig auszukosten, das muss sein, das hatte ich mir genau so vorgestellt. Und daher wird es morgen auch wieder einen Wander-Ruhetag geben. Die Hitze im Tal kommt früh genug und ich bin immer noch vor meinem Zeitplan. Inzwischen gibt es Stimmen, die mir das Weiterlaufen über Venedig hinaus empfehlen, aber das wird nichts, ich habe meine pünktliche Rückkehr schließlich versprochen. Und das muss auch so sein, denn ich will zukünftig nicht zum Ahasverus mutieren, der Alltag in Hamburg darf mich gerne wieder sehen, wenn ich ihm auch erst mal wieder neue Struktur geben muss bzw. darf.

Morgen Pause, die Hitze abwettern, dann runter nach Bozen

Schnell wieder hoch, Hitzefrei

Von Brixen nach Barbian (20km)

Auch bei nettester Ansprache und Shake-Hands mit der ganzen Familie fällt der Abschied vom Tourist-Hotel in Brixen nicht schwer. Der nüchterne 70er Charme steht doch in starkem Kontrast zu dieser ansonsten sehr reizvollen Stadt an der Eisack. Und nach einer kurzen Runde durch den Kreuzgang des Doms ( immer das Schönste an diesen historischen Sakralbauten; kühl, ruhig und einnehmend ohne Heiligengedöns) ging es weiter seicht abwärts, den perfekt ausgebauten Fahrradweg mit ordentlich schattenspendendem Grünbestand entlang. So weit so angenehm, aber dann folgte, was sich auf meiner digitalen Wanderkarte schon lange angedeutet hatte: Der Aufstieg. 350 Höhenmeter in 40 Minuten bringen auch den erprobtesten Wanderschaufel an seine Grenzen, besonders in der herrschenden Schwüle, die dann auch pünktlich in dicke Regentropfen mündete, genau 5 Minuten vor dem gebuchten Ziel. Kurz abgewettert im nächst erreichbaren Café wurde ich dann von einer wirklich herzlichen Wirtin empfangen, die erst mal mit mir gemeinsam einen selbstgebrannte Walnussschnaps vom Feinsten mit mir gebechert hat. Nach dem Zweiten war ich wörtlich im Höhenrausch und empfinde gerade diese Höhenlage weg von den allgegenwärtigen Verkehrstrassen als Geschenk des Himmels, wenn denn der hier befindliche schiefe Kirchturm das so durchgehen lässt.

Wie auch immer es weitergeht, ich bleibe oben, solange möglich. Allein schon der herrlichen Oldtimer wegen, die gerade bei der Abendspeisung an mir vorbeigerauscht sind und deren Verbleib ich morgen weiter erkunden muss. Mit weitem Talblick vor sich diverse Porsche 956, alte Minis oder Alfa Spyders der 60er Jahre zu erleben hat schon eine tolle Wirkung auf das Gemüt des weiterhin Rückengeplagten Wanderers. Inzwischen bin ich anscheinend in der besseren Touri-Welt angekommen, wenn auch der Versuch der Kommunikation mit anderen Gästen eher erfolglos blieb. Maulfaulheit gehört wohl zum Urlaubserlebnis hier in der Nebensaisons-Höhe. Egal, steuere ich einfach zurück zur Valli-Wirtin, wo bestimmt immer noch Geburtstag gefeiert wird und wo echte Pauli-Fans auf mich warten, unfassbar. Die Sache mit der Wanderung hier herunter steigert natürlich den Vorzeigewert des Gastes, mithin auch dessen Angebot an Selbstgebranntem. Erfreulicherweise bleiben mir einsamere Abende der relativen Enthaltsamkeit, aber wenn man mich schon mal aufbauen möchte, wer bin ich, dieses zurück zu weisen?

Morgen auf der Höhe weiter nach Oberbozen, auf jeden Fall aber weiter oben bleiben, bei angesagten 36 Grad im Bozener Tal

Vino Caldo

Von Stilfes nach Brixen (26 km)

Ok, die Sache mit dem Passaufstieg haben wir dann schnell mal wieder vergessen. Nach so vielen Kilometern ist die Neigung zur Selbstüberschätzung gerade an Ruhetagen manchmal etwas über-ausgeprägt. Wie gut, wenn man im Hotel Wieser einen ortskundigen, sportlichen, wander- und marathonerfahrenen Wirt hat, der mir von diesem Unterfangen dringend abgeraten hat. Tatsächlich gab es noch leichten Neuschnee über 2000 Metern, und außer der Fahrstraße sind die Wanderwege oben noch ziemlich weiß bzw. frisch-matschig. So eine Abtauphase in den Alpen dauert eben, im Übrigen hätte ich mal wieder alle Gliedmaßen gegen mich gehabt, denn in der Regeneration merkt man erst, was so alles in einem wächst, zwickt, kneift und arbeitet.

Aber dafür gabs ja das wirklich geschmackvolle, gut designte Schwimmbad mit Sauna, wo ich dann nachmittags auch endlich hingefunden hatte. Und während ich so schwitze und irgendwann andere Gäste zu hören sind, gesellt sich ein Mann zu mir in die Sauna, der mich gleich fragte, ob ich nicht der Wanderer aus Hamburg sei. Natürlich dachte ich zuerst, der Chef hat bei den Bussenioren gepetzt, aber dann merkte ich: Die Rentnerjungs aus Hessen sind auch in meinem extra etwas abseits gewählten Hotel abgestiegen. Tja, das Tal ist eng, der Weg ziemlich vorgegeben und so gab es nach einer Solopizza für mich (Nein, leider keine Weinsuppe in Mauls, zu weit) noch ein Bier zusammen. Neiden tue ich Ihnen den Hund, ein zweijähriger fastreiner Beagle voller Elan, der Abends aber auch nur noch seine Ruhe haben wollte. Ein perfekter Reisebegleiter für so eine Tour. Nicht neiden tue ich Ihnen ihr Ziel Rom, denn mehr als Venedig möchte ich mir aktuell nun wirklich nicht geben, die Po-Ebene bei den angesagten Temperaturen zu durchqueren ist wenig reizvoll, da wirklich sehr breit. Und das Ziel einer Pilger-Führung durch den Vatikan nehme ich mir erst als Rechercheur vor, wenn ich dereinst den neuen Dan Brown schreiben werde.

So wurde es mal wieder ein Tag entlang der Brennerautobahn, die ihre Präsenz heute so gar nicht leugnen konnte. Im lustigen Wechsel kreuzten sich die Eisenbahn, die Autostrada, die Brennerstraße und der Wanderschaufel auf dem Fahrradweg hin und her, aber nie einander verlassend. So ging es stets leicht bergab nach Brixen, zunächst an Erdbeeren, dann an den ersten Apfelbäumen und beim letzten Abstieg dann auch endlich an den ersten Rebhängen vorbei bzw. am Ende bei letzteren mittendurch. Aber nix Wein, bei den Temperaturen, die heute bereits deutlich angezogen haben musste es natürlich Bier sein, von zwei Litern Wasser aus der weichmacherfreien US-Trinkampulle am Mann bzw. am Rucksack abgesehen. Oder war da nicht doch noch ein großer kühler Veneziano-Spritz am Seerestaurant? Ach, trinken ist einfach Pflicht, jetzt wo das Tropenklima kommt.

Sprachlich geht es tatsächlich auch stets tiefer ins Land des Belcanto und seinem Wohlklang, der allerdings in Brixen noch mit so vielen Kehllauten durchsetzt sind, dass ich die Sprachenscheide im Gegensatz zur Wasser- noch nicht ganz überwunden zu haben scheine. Wilde Laute, kein Deutsch, kein Italienisch, eben eine europäische Mixtur, rau aber herzlich. Die Stadt hat zwar viel Musik im Angebot heute am Pfingstfreitag, aber irgendwie ist alles ziemlich leer und auf den drei kleinen Bühnen in der historischen Altstadt wird vor weitgehend leeren Rängen gespielt. Bemüht, aber eben auch nicht mehr. Immerhin…

Vor der Hitze graut mir ein wenig. Jetzt, wo der größte Teil der Strecke hinter mir liegt würde ich am liebsten bei bewölkten 18 Grad weiterlaufen, aber es soll das Doppelte werden, ohne Wolken, ohne Schatten, es sei denn, ich ändere jetzt mal schnell meine bisherige 9-17 Laufzeit zu einer Morgen- und einer Abendetappe. Zeit wäre es, sonst kleben ab morgen meine Walkingsticks noch im Asphalt fest. Und das darf nicht sein, denn ich muss ja noch entscheiden, was ich damit machen soll in Venedig. Den Sperrgepäck-Aufschlag von Easyjet jedenfalls will ich nicht bezahlen, dann verwende ich sie nächtens eher als tragenden Teil einer ansonsten vor dem Verfall stehenden kleinen Kirche bzw. Kapelle, davon gibt es in der Lagune schließlich hunderte. Oder hat jemand von euch noch eine Idee, was ich mit zwei feststehenden, unretournierbaren Stöcken am besten machen sollte. Verschenken ist nur eine absolute Notlösung und nicht mehr in der Konkurrenz.

Morgen nach Barbian über Klausen.
Oder weiter mit dem Floß, die eiskalte Eisack runter zur Erfrischung 🙂

Hinab ins Touri-Land

Von Brennerbad nach Stilfes (20 km)

Was mal wieder nach einer kürzeren Etappe aussieht hat sich als überaus anstrengend erwiesen, hier im hohen Südtirol. Es kommen eben immer wieder Auf- und Abstiege hinzu, die der geneigt Flachländer schnell vergisst, wenn er auf seine digitale 2D-Navigation schaut. So hatte die heutige Strecke drei Phasen: Zunächst seicht hinab von der Brennerhöhe, den perfekt ausgebauten Fahrradweg die alte Bahnstrecke hinunter, inklusive der bestehenden Tunnel, die sogar mit Bewegungsmeldern ausgestattet sind, was mich im ersten Moment ordentlich erschreckt hat. Dann, nach dem Abstieg unter die Autobahnbrücke von Gossensass entlang des hügeligen Wipptaler Wanderwegs, den ich auch schon von der Nordseite des Brenners kannte und der mangels Streckenalternativen mit allen Fernwanderzeichen ausgestattet ist, die man hier erwarten kann (Jakobsweg, Wanderweg 32a, Via Romea etc.). Und schließlich nach Durchquerung von Sterzing/Vipiteno und dem ersten Eindruck des hier urlaubenden Publikums jenseits der 65 dann noch zähe 5 km entlang des weiterhin wohl geteerten Fahrradweges, der allerdings genau zwischen der Brennerautobahn und dem Fluss Eisack verläuft, von daher wenig Idylle bietet und mich die Stöcke im Schnelltempo aufsetzen ließ, was dann zu reichlich Erschöpfung am Ziel Stilfes im Hotel Wieser geführt hat.

Immerhin habe ich mir auf Grund meiner Zeitreserven noch schnell eine Seilbahnfahrt auf den Rosskopf gegönnt, kurz mal die Lage von oben checken (ja, die Strecke ist auf meiner Aufzeichnung zu sehen, aber natürlich von den netto-Kilometern abgezogen). Prompt fing es oben an zu nieseln, aber das ist mir inzwischen völlig egal. Allerdings lag auch noch etwas Schnee in der Höhe, was mir natürlich zu denken gibt. Wenn mich auch der freundliche Seilbahn-Chef gar nicht gehen lassen wollte, ohne intensiv meine weitere Strecke zu diskutieren: Seinem gut gemeinten Vorschlag mit einem Dolomiten-Höhenweg über Cortina d’Ampezzo etc. werde ich bestimmt nicht folgen. Mehr als eine letzte kräftige Höhenwanderung werde ich mir in der verbleibenden Zeit dieses Weges nicht mehr geben, im Übrigen stellte sich im Gespräch schnell heraus, dass er zwar die Sportler alle in die Höhe befördert, selbst aber überzeugter Autofahrer ist und ständig im Michelin-Atlas blätterte, um die optimale Wanderroute zu finden. Mit diesem Medium allerdings werde ich mich frühestens Mitte Juli wieder beschäftigen, wenn es erneut mit Frau, Tochter und deren Freund nach Italien geht, anders dann.

Der Bus auf dem Hotelparkplatz hat den fußlahmen Chronisten bei seiner Ankunft am Abend dann schon ordentlich skeptisch gemacht, und genau so ist es auch gekommen: 35 deutsche Rentner werden hier im Hotel mit ziemlich schlechtem Akkordeon-Programm beschallt und dürfen mitsingen, derweil sich der Wanderschaufel in die hinterste Restaurant-Ecke verkrochen hat und versucht, sich auf seinen Tagesbericht zu konzentrieren. Aber wir sind ja in Italien und da läuft mit ein bis zwei Gläschen Merlot bekanntlich alles viel viel besser. Zumindest dämpft es die Rezeption dieser unsäglich schlechten Darbietung im Nebenraum, die man getrost als akustische Umweltverschmutzung durchgehen lassen kann. Auch hier stellt sich mir mal wieder die Frage, was die armen Hoteliersleute bloß in 10 Jahren machen, wenn diese ganzen Rentnertrupps großenteils 2,60 Meter tiefer in geweihtem Boden liegen.

Also tapfer durchhalten und sich freuen, dass für den Bus die Abfahrt zum morgigen Ausflugsprogramm nach Kastelruth (viel besser auf italienisch = Castelrotto [rotto=kaputt, fertig, am Ende]) schon um 8.30 Uhr ist. Ich bin vorher nicht beim Frühstück, das steht mal fest!
Und dann steht die Entscheidung an, ob ich einfach weiter die Brenner-Strecke – voraussichtlich den Fahrradweg entlang – ablaufe oder mir doch noch das sehr empfohlene Sarntal gebe, was allerdings zunächst den Aufstieg auf 2211 Meter voraussetzt, quasi direkt hinter dem Haus. Ich werde wohl mit dem Blick auf den Wetterbericht entscheiden, denn bevor am Wochenende die Hochsommerhitze kommen soll sind für morgen Regen und Schneefall bis runter auf 2000 Meter angesagt. Tja, das ist das Schöne am Alpenwandern, man muss irgendwie viel dreidimensionaler denken. Und eben gegebenenfalls auch mal einen Tag abhängen zur allfälligen Regeneration, was mit schickem Schwimmbad im Haus naturgemäß leichter fällt. Insbesonders wenn keine Mitbenutzer zu erwarten sind.

Und wer dann noch fragt (viele tuen es immer wieder, unterwegs), ob denn das Gehen alleine nicht langweilig wäre: Nein. Ist es nicht und war es auch nie auf der ganzen Strecke, solange man unterwegs ist. Langweilig sind höchstens Zwangspausen mit Wehwehchen, die anders nicht abgewettert werden können. Aber zu Glück hält der Körper inzwischen tapfer durch, wenn ich mich auch des abends genau wie nach dem Aufstehen teilweise nur sehr schleppend bewege. Aber bin ich erst einmal wieder auf der Strecke, ist die Summe meiner Knochen, Sehnen, Muskeln und Fettpolster inzwischen sehr gut aufeinander eingespielt. Und genau dieses Gefühl genieße ich bei aller Anstrengung sehr, im bisherigen Alltag konnte ich das so noch nicht von mir und meinen Einzelteilen behaupten.

Morgen entweder Ruhetag mit anschließendem Passaufstieg aufs Penser Joch am Freitag oder doch gleich weiter Richtung Brixen

Ciao Italia

Von Steinach nach Terme di Brennero (Brennerbad, 17 km)

Heute den Alpen-Hauptkamm überwunden, nun gehts weiter in Bella Italia. Wobei, hier regnet es auch während die Sonne knallt. Wundern tut es den Wirt nicht, das sei hier normal, knapp unterhalb des Brenners. Gut dass ich mir für heute nicht zuviel vorgenommen habe, es ging ja auch nochmal ordentlich aufwärts. Dafür habe ich mir auch den ersten Aperol Spritz verdient, mit dem Bier reicht es mir für’s erste.

Morgen nach Sterzing oder noch etwas weiter

Hoch zum Pass

Von Innsbruck nach Steinach am Brenner (32 km)

Gestartet in der Verwaltungs- und Universitätsstadt Innsbruck ging es erst einmal in die hoch gelegenen Vororte Vills und Igls, im Wesentlichen entlang der Straße, um erst einmal Höhe zu gewinnen.
In Igls dann die ersten Fernwanderer getroffen, unterwegs auf der Via Romea Stadensis, dem Weg des Abts vom Kloster Stade nach Rom um 1270 herum, der irgendwelche wichtigen Fragen vom Papst klären lassen musste. Na prima, eigentlich war das ja schon die ganze Zeit meine Route, aber erst kurz vor Italien wird mir das bewußt. Die entsprechenden Zeichen hatte ich auch schon mal gesehen, allerdings nicht wirklich beachtet. Nun also wurde ich über die Route von zwei Hessen aufgeklärt, die sich aber auch erst unterwegs kennen gelernt hatten und nun gemeinsam mit Hund unterwegs waren.

Nicht gefallen hat mir die Frage, ob ich auch schon Rentner wäre. Daher habe ich sie im nächsten Ort Patsch an der Kirche sitzen gelassen, wo sie eine Rast einlegen wollten und bin alleine weiter gegangen. Ich bin ja nicht so auf dem religiösen Trip und Kirchen ziehen mich nur bedingt an, im Wesentlichen nehme ich sie als gute Orientierungspunkte. Mal sehen, ob mir die beiden unterwegs noch einmal begegnen, die Chancen stehen gut, wenn ich denn die Brennerstrecke weitergehe, was ich mir gerade überlege. Vielleicht packt mich ja noch die Alpenlust und ich gehe über das Penserjoch ins Sarntal weiter. Auch diese Strecke landet irgendwann in Bozen, wie eigentlich alle Wege durch Südtirol.

In Steinach beim Schützenwirt eingekehrt, direkt unter der Autobahn, die hier aber den ungewohnten Effekt hat, dass man die ganze Zeit so gut wie nichts von ihr hört. Die Trasse läuft hoch am Hang über den Dörfern hinweg, so dass der Lärm von den umliegenden Wäldern und Bergen absorbiert zu werden scheint. Da habe ich nichts dagegen, hatte ich es mir doch schlimmer vorgestellt.

Morgen weiter auf den Brenner nach Italien