Vino Caldo

Von Stilfes nach Brixen (26 km)

Ok, die Sache mit dem Passaufstieg haben wir dann schnell mal wieder vergessen. Nach so vielen Kilometern ist die Neigung zur Selbstüberschätzung gerade an Ruhetagen manchmal etwas über-ausgeprägt. Wie gut, wenn man im Hotel Wieser einen ortskundigen, sportlichen, wander- und marathonerfahrenen Wirt hat, der mir von diesem Unterfangen dringend abgeraten hat. Tatsächlich gab es noch leichten Neuschnee über 2000 Metern, und außer der Fahrstraße sind die Wanderwege oben noch ziemlich weiß bzw. frisch-matschig. So eine Abtauphase in den Alpen dauert eben, im Übrigen hätte ich mal wieder alle Gliedmaßen gegen mich gehabt, denn in der Regeneration merkt man erst, was so alles in einem wächst, zwickt, kneift und arbeitet.

Aber dafür gabs ja das wirklich geschmackvolle, gut designte Schwimmbad mit Sauna, wo ich dann nachmittags auch endlich hingefunden hatte. Und während ich so schwitze und irgendwann andere Gäste zu hören sind, gesellt sich ein Mann zu mir in die Sauna, der mich gleich fragte, ob ich nicht der Wanderer aus Hamburg sei. Natürlich dachte ich zuerst, der Chef hat bei den Bussenioren gepetzt, aber dann merkte ich: Die Rentnerjungs aus Hessen sind auch in meinem extra etwas abseits gewählten Hotel abgestiegen. Tja, das Tal ist eng, der Weg ziemlich vorgegeben und so gab es nach einer Solopizza für mich (Nein, leider keine Weinsuppe in Mauls, zu weit) noch ein Bier zusammen. Neiden tue ich Ihnen den Hund, ein zweijähriger fastreiner Beagle voller Elan, der Abends aber auch nur noch seine Ruhe haben wollte. Ein perfekter Reisebegleiter für so eine Tour. Nicht neiden tue ich Ihnen ihr Ziel Rom, denn mehr als Venedig möchte ich mir aktuell nun wirklich nicht geben, die Po-Ebene bei den angesagten Temperaturen zu durchqueren ist wenig reizvoll, da wirklich sehr breit. Und das Ziel einer Pilger-Führung durch den Vatikan nehme ich mir erst als Rechercheur vor, wenn ich dereinst den neuen Dan Brown schreiben werde.

So wurde es mal wieder ein Tag entlang der Brennerautobahn, die ihre Präsenz heute so gar nicht leugnen konnte. Im lustigen Wechsel kreuzten sich die Eisenbahn, die Autostrada, die Brennerstraße und der Wanderschaufel auf dem Fahrradweg hin und her, aber nie einander verlassend. So ging es stets leicht bergab nach Brixen, zunächst an Erdbeeren, dann an den ersten Apfelbäumen und beim letzten Abstieg dann auch endlich an den ersten Rebhängen vorbei bzw. am Ende bei letzteren mittendurch. Aber nix Wein, bei den Temperaturen, die heute bereits deutlich angezogen haben musste es natürlich Bier sein, von zwei Litern Wasser aus der weichmacherfreien US-Trinkampulle am Mann bzw. am Rucksack abgesehen. Oder war da nicht doch noch ein großer kühler Veneziano-Spritz am Seerestaurant? Ach, trinken ist einfach Pflicht, jetzt wo das Tropenklima kommt.

Sprachlich geht es tatsächlich auch stets tiefer ins Land des Belcanto und seinem Wohlklang, der allerdings in Brixen noch mit so vielen Kehllauten durchsetzt sind, dass ich die Sprachenscheide im Gegensatz zur Wasser- noch nicht ganz überwunden zu haben scheine. Wilde Laute, kein Deutsch, kein Italienisch, eben eine europäische Mixtur, rau aber herzlich. Die Stadt hat zwar viel Musik im Angebot heute am Pfingstfreitag, aber irgendwie ist alles ziemlich leer und auf den drei kleinen Bühnen in der historischen Altstadt wird vor weitgehend leeren Rängen gespielt. Bemüht, aber eben auch nicht mehr. Immerhin…

Vor der Hitze graut mir ein wenig. Jetzt, wo der größte Teil der Strecke hinter mir liegt würde ich am liebsten bei bewölkten 18 Grad weiterlaufen, aber es soll das Doppelte werden, ohne Wolken, ohne Schatten, es sei denn, ich ändere jetzt mal schnell meine bisherige 9-17 Laufzeit zu einer Morgen- und einer Abendetappe. Zeit wäre es, sonst kleben ab morgen meine Walkingsticks noch im Asphalt fest. Und das darf nicht sein, denn ich muss ja noch entscheiden, was ich damit machen soll in Venedig. Den Sperrgepäck-Aufschlag von Easyjet jedenfalls will ich nicht bezahlen, dann verwende ich sie nächtens eher als tragenden Teil einer ansonsten vor dem Verfall stehenden kleinen Kirche bzw. Kapelle, davon gibt es in der Lagune schließlich hunderte. Oder hat jemand von euch noch eine Idee, was ich mit zwei feststehenden, unretournierbaren Stöcken am besten machen sollte. Verschenken ist nur eine absolute Notlösung und nicht mehr in der Konkurrenz.

Morgen nach Barbian über Klausen.
Oder weiter mit dem Floß, die eiskalte Eisack runter zur Erfrischung 🙂

5 thoughts on Vino Caldo

  1. Diese Etappe hast du sehr anschaulich beschrieben, lieber Stefan. Danke, dass du uns daran teilhaben lässt. Seh ich das richtig, dass du mit der heutigen Tour die 1000-km-Grenze erreicht hast? Congratulations. Super … Zwei Wanderstöcke auf dem Weg nach Norden, hm? Was, wenn wir eine Mitfahrgelegenheit für sie fänden? Die PR-Abteilung von Easyjet überreden, einen norddeutschen Wandersmann zu sponsern? Oder signierte Einzelteile à la Berliner Mauer daraus machen? Nein, das funzt alles noch nicht so recht… Weiter grübelnde Grüße aus der schönsten Stadt der Welt. Keep cool die nächsten Tage.

  2. Also Wanderschaufel, das mit den Stöcken nimmst du m.E. doch etwas auf die leichte Schulter. Oder besser gesagt: du empfindest sie offensichtlich als (potentielle) Last. Positiv gesehen können Sie dir aber noch von größten Wert sein! Dagegen ist die Sperrgepäcksabgabe von Easyjet Peanuts! Zum einen solltest du ihren Erinnerungswert nicht unterschätzen. (Andere hängen sich eine 16 – Ender an die Wand.) Zum anderen erhalten Sie – wie du an deiner steigenden Berühmtheit erkennst – auch einen sehr praktischen Wert. Dein Portmonaie wird es dir danken, wenn du sie einst meistbietend versteigern wirst.

    • Also, Jan,
      Ich hänge mir weder 16-Ender noch Walking-Sticks an die Wand. Mein Portemonnaie wird mir höchstens danken, wenn ich mir nicht gleich neue Stöcke in HH kaufen muss, denn ein potentieller Versteigerungserlös käme natürlich einem guten Zweck (Schachcafé Rübenkamp? Höchstens Jugendabteilung…) zu Gute. Ihr Wert ist am Ende dieser Tour mit Sicherheit abgelaufen (take my word!) und im Übrigen komme ich mehr und mehr zu der Überzeugung, dass sie auch in Venezia noch ihre Verwendung finden werden. Beim Moses-Projekt kommt es gerade zu korruptionsbedingten Verzögerungen, vielleicht helfen sie ja auch, die Stadt vor dem nächsten Aqua Alta zu bewahren. Das, mein Lieber, hätte einen wahrhaft historischen Zweck. Allein, die genaue Umsetzung gilt es noch zu klären. Aber wenn ich weiter so schnell durchkomme bleibt für derartige Planungen noch ausreichend Zeit. Auch natürlich für Kreativität von Seiten der Außenwelt. Will meinen: Nicht nachlassen, da geht noch was, Ideentechnisch! Bis dahin leg den Pinot Grigio kalt

Leave a Reply