Finale Veneziana

Vom Lido auf die Piazza San Marco (höchstens noch 2 km)

Ein sonniger Tag wollte genutzt sein, um zum Abschluss der Wanderung den Strand von Venedig zu genießen, direkt hinter meinem Hotel auf dem Lido. Und ganz italienisch habe ich mir einen Sonnenschirm mit Liege gegönnt, auf der es sich herrlich die Beine hochlegen lässt. Der weite Blick über das Mittelmeer Richtung Süden war insgeheim auch mein eigentliches Ziel. Aus der Perspektive gesehen ließ es sich nur mit dem Boot weiterfahren, also war ich als Wandersmann im mehrfachen Wortsinn am Ende angekommen.

Fehlte nur noch das Foto am Markusplatz. Dafür dann die letzte Schritte zum Vaporetto und rüber Richtung San Marco, dort würde ich schon einen potentiellen Fotografen treffen. Und als ich runter ging vom Boot war neben mir ein offensichtlich westeuropäischer Wandersmann, der sich mal so richtig auf der ersten Bank ausstrecken musste und wie ich nach Zielerreichung aussah, mit diesem leicht melancholischen Ausdruck, der bei dieser Gelegenheit einfach dazu gehört. Ich habe ihn dann einfach mal angesprochen und richtig, Philipp kam allein aus München und hatte gerade die Alpen hinter sich, wenn sein Weg auch nicht ganz so lang war.

Nach unserer Fotosession und einem gemeinsamen Drink unter Gleicherfahrenen habe ich ihn eingeladen, in dem von mir angemieteten Apartment zu schlafen, er hatte noch nichts gebucht. Mein lieber Freund Holger aus Genf hat sich erst für den heutigen Abend angesagt, so dass sein Platz noch frei war für eine Nacht. Eine überraschende Begegnung, sehr nette Gespräche und Austausch über das Wandern an sich, das Ziel Venedig etc., dann wurde auch noch in einer schönen engen Gasse gegessen. Ich habe mich gefreut, an diesem „Zielabend“ nicht alleine gewesen zu sein, davon hatte ich in letzter Zeit ja genug. Und das letzte Bier wurde dann auf der kleinen Innenhof-Terrasse getrunken, die mich an der Wohnung mitten im Herz von Venedig so gereizt hat. Einfach herrlich, von keinem noch so edlem Hotel zu toppen.

Jetzt sitze ich in der vielleicht schönsten, zumindest aber außergewöhnlichsten Stadt der Welt und es schüttet aus Kübeln. Ich denke an die vergangenen Wochen, Kilometer, Menschen, Hotelbetten, Wege, Untergründe, Wachhunde, Brücken, Ausblicke, Regenschauer, Biersorten, Gefühle, Wolkenformen und Schneckenarten auf dem Weg zurück. Für das Sortieren all dieser Eindrücke brauche ich wohl noch etwas Zeit.
Immer wieder aufgebaut haben mich eure Kommentare und Mails, liebe Blog-Freunde, auch das Wissen um eine Leserschaft irgendwo da draussen. Ich danke euch allen, es hat mir Spaß gemacht, euch an dieser Wanderung teilhaben zu lassen. Und wenn ich jemanden motivieren konnte, auch einmal den Ausbruch zu wagen: Es wäre mir ein Vergnügen. Um mit Julia Engelmann zu schließen:

‚Und eines Tages Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.‘

Am 27.6.2014 um 16:00 Uhr Rückflug nach Hamburg, Ende

…und die Walkingstöcke müssen mit zurück nach Hause, sie sollen auch mal fliegen dürfen. Hier in Venedig bleibt ein Stein aus dem Gartenteich in Hamburg, für hoffentlich noch sehr lange Zeit in einem der Kanäle.

Die Inseln der Fischer

Von Chioggia auf den Lido (20 km zzgl. Vaporetto)

Nein, alles kann man eben nicht laufen, von Hamburg nach Venedig. Es gibt viel Wasser auf dem Weg, nicht immer Brücken, so dass auch die Schiffe zu ihrem Recht kommen müssen. Und hier fahren auch die Busse mit, denn wie der Lido ist auch die langgestreckte Pellestrina eine Insel „con macchine“, also autobefahrbar (Herrlich, das in Italien alle Autos weiblich sind, habe ich oft entlang des Verkehrs dran gedacht. Una BMW oder una Audi klingen allein geschlechtsmäßig viel weniger gefährlich, jedenfalls kann man es sich gut einreden, wenn sowieso nichts anderes mehr hilft).

Die herrschende Schwüle macht das Gehen zäh, da musste auch schon mal am Ende der ersten Hälfte ein Spitz her, natürlich extra verlängert mit viel Wasser. Erstaunt hat mich, wieviele Menschen anscheinend immer noch vom Fischfang leben, ohne natürlich zu wissen, wie gut es ihnen im Einzelnen damit geht. Und auch wenn ich gefragt hätte: Stöhnen ist erste Bürgerpflicht in Italien (nur dort?) und zweitens ist der Dialekt einfach zu hart für mich, der ich mich doch inzwischen recht gut in richtigem Italienisch unterhalten kann. Aber Veneziano ist eben eine ganz andere Sache.

Also weiter die Flotte entlang, mit der Fähre auf den Lido übergesetzt, der auch nicht so rechte Nobelstimmung aufkommen lassen wollte, ist doch alles ziemlich industriell, schmuddelig und auf mich heute gar nicht wirklich einladend wirkend. Aber was habe ich erwartet? Hier wird ge- und überlebt, jeder nicht südländisch wirkende Typ in schlechtem Englisch angesprochen, was ich mir zwischendurch schon ein paar mal massiv verbeten habe. Will ich nicht, sprech‘ ich nicht. Und die Einheimischen hier eigentlich auch nicht wirklich.

So bin ich nun entlang der Strandpromenade die letzten Meter in meinem rumänisch geführtem Hotel angekommen, in einer komischen Stimmung zwischen immer noch unterwegs sein und das Ziel eigentlich schon erreicht zu haben. Aber bevor ich das in meinem Herzen und in meinem Kopf verinnerlicht habe bin ich bestimmt schon wieder zu Hause. Jetzt zumindest ist alles noch nicht so richtig sortiert. Macht nichts, erst mal muss ich sowieso was essen gehen, da drängelt sich Hunger vor Sentimentalität. Hilfreich, dass der Mensch so funktioniert.

Morgen auf die Piazza San Marco

Endlich ans Meer

Von Santa Margherita nach Chioggia (18 km)

Aus Padua heraus zu kommen, das bedeutete für diese Reise auch meinen letzten Tag auf dem Festland. Nach einem gemütlichen Sonntagsfrühstück mit meiner Vermieterin Signora Elisabetta, vielen Fragen zu meinem Weg und vielen guten Wünschen bin ich zum Busbahnhof der Stadt gewalked, die Strecke vom Vortag wieder zurück zu fahren. Der Busfahrer hat auch dreimal nachgefragt, ob ich wirklich mitten an dieser verlassenen Kreuzung aussteigen wolle, es seien doch nur noch 15 km bis zum Strand.

Aber ich wollte raus, wieder in Schwung kommen, und zum letzten Male war der Fluss Brenta mein treuer Wegbegleiter. Viele Kilometer ging es an seinem Damm entlang, immer schnurstracks geradeaus. Teilweise endlich mal wieder über kurzgemähte Feldwege, eine Wohltat für die so untergrundsensibel gewordenen Füße. Nur für die letzte Schleife Richtung Chioggia kam ich leider nicht daran vorbei, die Straße zu benutzen. Ein letztes Mal durfte ich mich darüber freuen, wie freundlich und überraschend man immer wieder von hinten angehupt wird. Ein großer Spaß für die Ragazzi im Auto, ein großes Ärgernis für den Wanderer, der immer geneigt ist, rechts in den Graben zu springen. Aber auch meine schönsten deutschsprachigen Verwünschungen haben nichts gegen das italienische Temperament ausrichten können. An diesem Punkt muss ich mein Sprachkenntnisse wohl noch verfeinern.

Chioggia am frühen Nachmittag bietet dem einlaufenden Wandersmann zunächst nur ein Bild heißer Vorortödnis, gerade am Sonntag ist alles geschlossen, man hat sich in seine Wohnung zurückgezogen. Nur der Wanderschaufel freute sich auf die Brücke, welche in die Altstadt führt, um sogleich eine deutsche Rentnertruppe zu zersprengen, welche sich meinen Walkingsticks in den Weg stellen wollte. Aber an Sightseeing habe ich nicht gedacht, mir war nach einer kalten Dusche und einem kühlen Zimmer, was ich dann auch in dem bereits von mir gebuchten Hostel mitten in den Altstadtgassen gefunden habe. Nach einer herrlich kühlen Pause an diesem schwülen Tag ging es dann gleich weiter zum Aperitif in die kleine Innenstadt, wo inzwischen nur noch Italiener zu finden waren, die ausländische Touristen hatten sich bereits zurückgezogen. Tatsächlich wird Chioggia seinem Namen als kleines Venedig komplett gerecht. Die gleichen Kanäle, die gleiche Form der Brücken, die gleiche Traufhöhe der Häuser, nur ein Unterschied ist bemerkbar: es fahren und parken Autos. Die Fischerei wirkt noch sehr aktiv, viele große Boote liegen entlang des Hauptcanales, also gab es natürlich keine Frage, was am Abend gegessen würde. Das Menu Turistico war keine schlechte Idee, wie meistens in Italien. Nach dem obligatorischen Kaffee am Ende des Abendessens bin ich noch ein wenig durch die Gassen gezogen, um irgendwann an einer sehr verwunschen wirkenden Hauswand mit Efeu und wilden Rosen stehen zu bleiben. Als ich so schaute, hörte ich schon den Ruf von drinnen ich möge doch hereinkommen, ob denn ein Glas Wein gewünscht würde. Und am Abend lasse ich mich nicht gerne zweimal bitten. Schon saß ich in einem wahren Hexenhaus, mit verwinkelten und total voll gestellten kleinen dunklen Räumen, lauter indo-afrikanisch-barocker Nippes und ein Sarg als Sitzbank in dem Zimmer, wo sich auch eine Gruppe junger Italiener um den Esstisch versammelt hatte. Dort wurde ich gleich freundlich aufgenommen, es gab den versprochen Wein und viele Fragen nach dem weiteren Verlauf der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft. Nachdem all das geklärt war ging die Truppe von dannen, ich war alleine mit Jackie, dem schrägen Original und Hausbesitzer, der unbedingt noch einen Giro mit mir machen wollte. Erst langsam dämmerte es mir, dass ich wohl ein weitbekanntes Restaurant der komplett privaten Art gefunden habe, wo es zu essen gibt was es gibt und wo man beim Verabschieden einen Schein zerknüllt in Jackies Hand drückt, soviel man eben zahlen möchte. Oder nicht, wer weiß das schon so ganz genau.

Nachdem ich im Gehen Jackies Lebensgeschichte erfahren habe, die viel mit Poker und Weltreisen zu tun hat, wurden noch zwei Grappa getrunken, für die ich keinstenfalls bezahlen durfte, schließlich sei ich ja der Gast, da wäre nicht dran zu rütteln. Ein echtes Original mit seinen 61 Jahren und dem unverfehlbaren Zottelbart, den jeder, aber auch wirklich jeder im Ort zu kennen scheint und gegrüßt hat. Ich solle ruhig im Hotel Cipriani oder im Hotel Danieli fragen, man würde ihn schon kennen, ich würde immer gut behandelt werden, wenn ich irgendwo in Venedig den Namen Jackie erwähnen würde, schließlich seien wir ja jetzt Freunde. Und nach diesem Abend habe ich daran absolut keinerlei Zweifel mehr. Für’s nächste Mal muss ich nur noch meine liebe Frau Martina von der Herrlichkeit der wahrhaften italienischen Fischküche überzeugen.

Morgen mit dem Vaporetto rüber auf die Pellestrina, dann die lange Insel abgelaufen und weiter auf den Lido

Stefan Schaufelberger
Hamburg

vom iPhone gesendet
Tel. mobil +49 160 96943295

Morgen über die Pellestrina auf den Lido di Venezia

Mittelmeer, oder?

Von Padova nach Santa Margherita (31 km laufen)

Eigentlich fast der schönste Lauftag auf meinem Weg. 23-25″, immer leichter Wind, nicht viel Straße und zwischendurch leicht bewölkt. Supi, so können die Temporekorde purzeln. Das Beste ist z.Zt. Ein Schnitt von 6.3 km, auf 10 km gemessen.
Ohne Gepäck, zugegeben, inzwischen habe ich den Dreh mit meiner Regel raus und bediene mich ihrer nach Kräften. Zumindest heute, also das zweite Mal auf meinem Weg. geht doch. Aber eben auch mal ohne Rucksack, der brav in meinem charmanten Katzen-B&B bei Signora Elisabetta gewartet hat. Alles lila wie bei ihr im Zimmer, hat vorhin am Telefon schon meine Tochter festgestellt. Dafür beim Preis unschlagbar, Ignoranten würden jetzt über das typisch italienische Frühstück maulen, aber das ist hier nun mal so. Habe deswegen entgegen früherer Planung immer noch keine Salami oder so gekauft.

Von der Strecke kann man einfach nicht mehr viel erwarten. Ein weiteres Mal ging es heute entlang der Brenta, diesmal schwer kanalisiert und begradigt, was die Sache nicht spannender macht. Aber gut zu laufen, mit der Neubesohlung meiner Walking-Sticks ist es auch wieder etwas weicher und ruhiger geworden. Die zwischen Mittenwald und Bassano abgelaufenen Gummifüße zeige ich gerne mal vor, sie sind erheblich kürzer geworden.
Und dann extra ganz vor bis ans Mittelmeer gelaufen (also zur Lagune) und – nix. Kommst nicht ran. Abgezäunt, abgesperrt, mit Videokameras und hohen Zäunen. Keine Chance, jedenfalls nicht ohne Stress. Noch ein paar Angler in Camouflage angehauen, aber: „Tutto privato“, wenn auch ein parkähnliches Grundstück mit mäßiger Beschilderung nach einer vormals öffentlichen Besuchsgelände aussah. Der testweise eingegebene Code an der Eingangstür hat natürlich nicht funktioniert, aber keine 5 Minuten später stand – Zufall oder nicht – ein Wagen der Municipio vor der Tür. Die Gemeinde kümmert sich immerhin.

Also kein Zugang zum Meer/zur Lagune, also mangels Alternativen an der Hauptstraße lang und also irgendwann den Bus genommen (Verkehr ist eine Sache, eine italienische Haupt-Landstraße bei Venedig eine andere) und damit für den Tag ca..6 km gespart. Aber klar, morgen geht’s auch genau da weiter!

Morgen weiter nach Chioggia

Zur Goethepalme

Von Cittadella nach Padova (31 km)

Stumpf geradeaus entlang der Hauptstraße SS47, das war im Wesentlichen das Wegstück von heute. Am Anfang komplett unmöglich zu gehen zwischen Leitplanken und dicken LKW, ohne irgendwelche Ausweichmöglichkeiten. Nach knapp 2km hatte ich genug und den Bus abgewartet, der mich zur nächsten Stadt gebracht hat. Nur ca. 5 km, aber ab da gab es zeitweise sogar einen richtigen Fahrradweg, wenn auch nicht durchgehend. Alle Strecken abseits der Hauptstraße kamen als Alternative leider nicht in Frage, sonst hätte ich es nicht bis Padua geschafft und mein B&B war ja immerhin schon gebucht. Morgen soll ja auch Ruhetag sein, ich möchte mir die Stadt anschauen, die schon unseren Dichterfürsten inspiriert hat – und hatte im Übrigen seit Oberbozen keinen Tag mehr ohne meine Stöcke. Die bleiben aber jetzt zumindest für diesen Tag in der Ecke, jawoll.

Noch immer gibt es keinen vernünftigen Vorschlag, was ich mit ihnen machen soll in Venedig…

Morgen Ruhetag, dann nach Piove di Sacco

Krisen und Ödnis im Veneto

Von Bassano del Grappa nach Cittadella (15 km)

Heute war es genauso, wie ich es mir bei meiner Planung schon überlegt hatte. Es ging im fröhlichen Zickzack die Felder entlang, immer platt, immer heiß. Ein schöner Weg, wenn man nur trainieren will und seinen wöchentlichen Ausgang benötigt, aber nicht, wenn man tatsächlich so wie ich das Ziel schon fast vor der Nase hat.

Und immer wieder eine der ersten Fragen, wenn man in der Bar einen Kaffee mit einem halben Liter Wasser bestellt: wie ist es mit der Krise in Deutschland? Spüren wir davon auch noch so viel? Ich tue mich immer etwas schwer damit, darauf eine Antwort zu geben, und das liegt nicht nur an meinem für solche Diskussionen unzureichendem Italienisch. Immerhin, etwas die Augen verdrehen, dann und wann ein langes „maaaa“ oder „eehhh“ einsetzen verrät Konspiration und gegenseitiges Verständnis, ohne sich wirklich geäußert zu haben. Auch dafür liebe ich die italienische Sprache.

Jetzt freue ich mich, wieder mit dem Bus in Bassano del Grappa gelandet zu sein, um meinen Weg morgen endgültig bis nach Padua fortzusetzen.

Morgen weiter bis Padua

Tschüss, ihr Alpen

Von Cismon del Grappa nach Bassano (24 km)

Nun, da ich gestern ja ein Stückchen mit dem Zug gefahren war musste ich also zurück, um meine Laufpflichten auch den selbstgesetzten Regeln entsprechend abzuschließen. Was die Motivation angeht ist es ein zähes Brötchen, wenn man den eigentlich ja schon erledigten Weg nochmal erneut angehen muss.
So waren denn die ersten Kilometer im tiefen Tal der Brenta auf dem dort immer noch perfekten Fahrradweg auch etwas schleppend, aber nach dem ersten Kaffeestop am ‚Cyclogrill‘ ging es dann doch deutlich schneller voran. Auch hier hatte ich ja kein Gepäck dabei, das stand schon sicher im morgens noch schnell gefundenen schicken und modernen B&B an der Piazza Libertá, mitten in Bassano.

Die Wettervorhersagen waren eindeutig: bewölkt, ohne Regen. Nach knapp einer Stunde kam: Regen. Mal wieder diese dicken Sommertropfen aus kleinen, aber tiefschwarzen Wolken. Da auch meine Wetterjacke beim Gepäck war, musste ich mich drei mal unterstellen, erfreulicher Weise zweimal davon in einer Bar, so dass zumindest die Versorgung gesichert war. Auch wenn es nicht allzu heiß ist im Moment, 3 Liter Wasser brauche ich mindestens für knapp 25km. Dazu natürlich mein heiß geliebter Caffè an der Theke, wo man schnell ein Schwätzchen halten kann. Und mein Italienisch hat sich inzwischen schon merklich verbessert, auch weil ich zwischendurch immer mal wieder das Lexikon bzw. die Verbenschule auf dem iPhone bemühe, wenn ich bei meinen kleinen selbstgesteckten Aufgaben nicht weiter weiß.
Solange kein Verkehr kommt ist es ja auch kein Problem, sich zwischendurch mit anderen Dingen zu beschäftigen. Irgendwann aber war Ende Fahrradweg und ich hatte die Wahl zwischen Straße mit nicht allzu viel Verkehr oder dem Sentiero del Brenta, also dem Uferweg, der aber anscheinend nur noch selten begangen wird und entsprechend verwahrlost ist. Dann doch lieber flott die Stöcke geschwungen und mit einem guten 6km/h-Schnitt die Asphaltroute im wörtlichen Sinne abgeklappert. Und plötzlich waren sie weg, die Berge. Einfach so, links und rechts wieder freier Blick in die Ferne, geradeaus die Ahnung von Küste, wenn auch zunächst mal nur in meinem Kopf. Fast etwas wehmütig war mir, als ich an viele schöne Strecken und Orte zwischen München und hier dachte, vielleicht kann ich meine Schweizer Wurzeln doch nicht ganz aus meinem Kopf und meinem Herzen verbannen, bleibt immer doch ein magischer Reiz der Bergwelt an sich, ob auf hohen Gipfeln, weiten Wiesen oder wie zum Schluss eingeklemmt zwischen steilen Felswänden.

Flott wieder in Bassano, flotter noch geduscht und auf, ins laute italienische Leben ‚in Piazza‘ gestürzt. Am zweiten Tag fühlt man sich schon ziemlich dazugehörig, auch morgen wird quartiersmäßig noch hiergeblieben. Endlich mal Zeit für etwas Jazz-Kultur, die alte Holzbrücke über die Brenta wird dann zur Bühne umfunktioniert. Wie auch in anderen Teilen Europas beginnen die weißen Nächte, le notte bianche. Und da werde ich natürlich nicht fehlen, wenn ich denn schon wieder einen Teil meines Restprogramms erledigt haben werde. Keine 100 km mehr bis zum Markusplatz…

Morgen weiter Richtung Padua

ß

Sanft bergab

Von Grigno nach Cismo del Grappa (17 km)

Immer schön den Fahrradweg entlang. Keinerlei Fußgänger ausser dem Wanderschaufel. Klick klick klick entlang der Brenta, deren Bett immer breiter, das Tal selbst dagegen immer schmaler wurde. Zwischendrinn ein seltsames Echo von rechts, reflektierter und gebündelter Straßenlärm von der anderen Flussseite. Das Soundsystem der Felswände. Und stetig weiter runter…

Schon mal in Bassano D. G. eingecheckt (dort auch prompt wieder Wilfried, den Romwanderer getroffen, wohl zum letzten Mal), auch wenn morgen noch ein Stückchen nachzuholen ist. Aber wer würde nicht ein hotelloses Kaff im Nirgendwo gegen eine lebhafte junge Stadt im Veneto tauschen? Und das 4:0 gegen Portugal zum WM-Auftakt galt es auch nicht zu verpassen. Dann lieber schnell noch etwas Eisenbahn -TrenItalia-, um auch ja rechtzeitig die Kommentare im italienischen Fernsehen über ‚Muller-e, Ozzil-e, Lahm-e, Ghoetze-e etc. zu genießen.

Morgen Reststrecke des Valsugana, von Cismo nach Bassano

Vom Ballast befreit

Von Borgo Valsugana nach Grigno (18 km)

Leider muss ich noch mal an dem Kartenausschnitt arbeiten, denn natürlich will ich nur den erwanderten Weg anzeigen und keine Schleife, die ich heute mit dem Zug zurück gemacht habe. Manchmal vergesse ich eben, dass auch der richtige Track auf dem Smartphone aufgezeichnet sein will.

So nass der Tag auch anfing, es war schön, den heutigen Sonntag mit einem Klavierkonzert der örtlichen Musikschule zu beginnen. Zufällig hatte ich den Anschlag gesehen, zeitlich war genug Luft, so dass ich bis mittags erst mal in Kultur versunken war. 8 Schüler haben ihr Bestes gegeben, in qualitativ aufsteigender Abfolge, Beethovens 10. Sonate in G-Dur zum Schluss war gekonnt dargeboten vom offensichtlichen Streber der Klasse. Applaus von allen Eltern, Großeltern, Geschwistern, Onkeln und Tanten und auch vom Wanderschaufel, der doch mit einigem Erstaunen in dieser untereinander wohlbekannten Gruppe als Fremder interessiert wahrgenommen wurde. Nein, hier verirren sich um diese Zeit nun wirklich keine Ausländer in völlig unitalienischem Wanderaufzug hin.

Da noch genug Regen in der Luft lag wurde das Hotel kurzerhand verlängert, was mich in den Genuss der Trentino-Gästekarte brachte, mit der man u.a, die Züge der Gegend kostenfrei nutzen kann. Daher blieb der Rucksack im Zimmer und ich ging trotzdem weiter auf meinem Weg Richtung Lagune. Dieses Mal komplett erleichtert, was meine Füße wie auch meinen Rücken zunächst ziemlich irritiert haben. Beide fingen nach kurzer Zeit an zu murren, was sich dann aber schnell gegeben hat. Wir sind eben ein eingespieltes Team inzwischen.
Schnell ging es voran heute, permanent leicht bergab und ohne Pause waren die 18 Kilometer in gut drei Stunden abgelaufen. Gerne wäre ich auch noch weiter gegangen, aber prompt fing es wieder an zu regnen, so dass ich mich zum lokalen Bahnhof aufmachte, den Ausgangspunkt mit meinem wartenden Rucksack wieder zu erreichen. Und wenn man dann noch richtig den Fahrplan liest, muss man nicht auch noch über eine Stunde auf dem ziemlich verwaist wirkenden Bahnhof inmitten des doch recht einsamen Valsugana herumlungern. Sonntags heißt festivi und da gibt es nun mal nicht jede Verbindung, zumindest die von mir per Internet ermittelte war nicht vorhanden, man hätte es lesen können.

Morgen weiter nach Cismon del Grappa, von Grigno aus, bis dahin gratis mit dem Zug, den ich heute schon nutzen durfte. Bleibt aber alles innerhalb der selbstgesetzten Regeln, claro! Und die Provinz Veneto zumindest habe ich dann auch schon erreicht.

Wanderlust und Wolkenbruch

Vom Lago di Caldonazzo nach Borgo Valsugana (19 km)

Ach wie schön sonnig der Tag doch angefangen hat. Nicht zu heiß, der gröbste Blues überwunden und fröhlich nach einem ausgiebigen Frühstück losgetiegert, ohne Straßenverkehr, dafür mit Heerscharen von Radfahrern, am Anfang noch bestehend aus gerade wieder ausgenüchterten Holländern nach ihrem 5:1 Erfolg gegen Holland bei der WM am Vorabend, später zunehmend echte Sportstypen, immer in fachgerechter hautenger Bekleidung, zumeist auch wirklich Italiener. Tatsächlich merkt man erst bei meiner Langsamkeit, wie ernsthaft hier Rad gefahren wird, so wirkt es zumindest.

Also immer schön entlang der Pista Cyclabile, bestens ausgebaut, noch den Drachenfliegern aus den Bergen beim Landen zugeschaut – und dann wurde es immer dunkler und dunkler. Bisher hatte ich zwar auch schon mal Regen zwischendurch, aber was auf den letzten 5 Kilometern auf mich herunter gegossen wurde übertrifft an Regenmenge die Summe der gesamten Reise vorher. Tatsächlich hätte sich wohl jeder Goldfisch in meinen Schuhen pudelwohl gefühlt, war es am Ende doch wie ein Aquarium, was ich an den Füßen herum geschleppt habe. Brav und wohlerzogen habe ich natürlich kurz vor meinem Hotel die Schuhe noch ausgezogen und -geschüttet. Leider sieht es für die nächsten Tage nicht besser aus hier.

Nachdem alles versorgt, gewaschen und trockenbereit geordnet war im Zimmer ein bisschen mit neuem Mut durch den Ort gegangen, auf einen Spritz zum ankommen. Nach einer Stunde waren es dann schon fünf davon und ich hatte einige neue Freunde aus der Lokalprominenz, die mich in ihrer Stammbar gleich mal unter ihre Fittiche genommen und ziemlich fix abgefüllt haben. Stefano, der lauteste und trinkfreudigste (!?!) ließ es sich auch nicht nehmen, mir noch eine Flasche Rotwein mit auf den Weg zu geben. Das habe ich genossen, in solch einer Runde auf der Piazza zu sitzen und an meinen Sprachkenntnissen zu arbeiten. Habe auch drauf bestanden, nur Italienisch zu sprechen, inzwischen übertreffe ich damit die meisten Einheimischen, die mich mit ihrem sehr stark gefärbten Englisch beeindrucken wollen, was aber meistens nicht besonders weit reicht. Aber lange gehen solche Runden eigentlich nie in Italien, das kenne ich schon, insbesondere da morgen für drei der Jungs ein Radrennen ist, wie passend, wenn auch nur 57 km. Quasi wie Short Track beim Langlauf.

Heute gelernt: Nur gutes Wetter allein macht noch keine gute Laune, erst recht keine Wanderlust (Danke Jan für deinen schönen Fremdworthinweis!). Manchmal ist ein erfrischender Regen nicht nur für ein Fußbad gut.
Das hatte aber auch schon Wirt Hans von der Tutzinger Hütte festgestellt.

Morgen weiter entlang der Brenta, Streckenlänge wetterabhängig